„Zu der Zeit, da Harald Gilles Söhne in Norwegen herrschten, lebte in den Dörfern um den See Mjøsa eine Sippe, die von allen die »Steinfinnssöhne« genannt wurden. Ihnen gehörten achtzehn große Höfe, verteilt über die Kirchengemeinden der Gegend.“ (S. 7)
Im 13. Jahrhundert steht die Gesellschaft in Norwegen vor der großen Herausforderung den Forderungen des alten Ehrendkodex und den neuen Ansprüchen der christlichen Moral. Dabei bilden gesellschaftliche Erwartungen, familiäre Verantwortung und das persönliche Ringen um moralische Schuld den tragischen Mittelpunkt der Handlung.
Gleich zu Beginn der Handlung erlebt das Waisenkind Olav Audunssohn wie sein Ziehvater Steinfinn Toressohn von Mattias Haraldssohn gedemütigt wird, weil dieser Ingebørg Jonstochter zur Frau genommen hatte, obwohl sie bereits Mattias versprochen war. Steinfinn beginnt sich seit seiner Demütigung zu verändern, er wird menschenscheu und auch Ingebørg zieht sich allein mit ihren Mägden in eine Hütte zurück und verfällt zunehmend in eine grämende Grübelei.
Olav und Steinfinns Tochter Ingunn, die wie Bruder und Schwester aufwachsen, sind seit ihrer Kindheit miteinander verlobt und entwickeln in ihrer Jugendzeit eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Jahre nach seiner Demütigung macht sich Steinfinn mit seinen Knechten, Olav und Arnvid, einem Verwandten auf den Weg, um sich an Mattias zu rächen und die Ehre seiner Familie wiederherzustellen.
Die Ereignisse überstürzen sich, nachdem Steinfinn Mattias getötet hat. In der Nacht der Rückkehr kommen sich Olav und Ingunn heimlich intim näher, während Ingebørg in dieser Nacht überraschend stirbt. Steinfinn, der sich beim Kampf gegen Mattias verletzt hat, liegt im Sterben und weigert sich Olav und Ingunn seinen Segen für die Vermählung zu geben, um Olav vor der Rache von Mattias‘ Verwandten zu schützen.
Kolbein Toressohn, als neuer Vormund der Familie, erklärt Olavs unausgesprochen Verlobung mit Ingunn für nichtig, weil neue Verbindungen mit mächtigen Männern den Vorrang hätten. Gemeinsam mit seinem Freund Arnvid geht Olav in die Stadt Hamar, um Bischof Torfinn um Hilfe in seiner Not zu bitten. Zu Weihnachten trifft sich Kolbeins Familie mit dem Bischof um die Angelegenheit zu klären. In einer Gaststube trifft Olav auf Kolbeins Söhne und als es zum offenen Streit kommt, erschlägt er Einar Kolbeinssohn.
Olav muss die Flucht in die Verbannung ergreifen und erlebt die kriegerischen Auseinandersetzungen der verschiedenen Klans um die Macht. Als er nach vielen Jahren wieder zurückkommt, muss er erfahren, dass Ingunn in der Zwischenzeit, das Kind des Schreibers Teit erwartet.
Die Nobelpreisträgerin Sigrid Undset entführt ihre Leserinnen und Leser in die Welt des Mittelalters in Norwegen, wo sich alte Ehrenvorstellungen und christliche Moral gegenüberstehen. Dabei wird im ersten Band des epischen Romans die tragische Geschichte rund um Olav Audunssohn erzählt, einem stolzen Mann, der zwischen Ehre, Loyalität und familiärer Verantwortung und christlichem Gewissen, Schuld, Sühne und Vergebung hin und hergerissen wird.
Ein ebenso aufwühlender wie fesselnder Roman, der seine Leserinnen und Leser tief in die moralischen Verwicklungen seiner Protagonisten hineinzieht und von Beginn an in seinen Bann zu ziehen weiß. Die überaus lesenswerte Neuübersetzung des Romans lässt gespannt die weiteren Bände erwarten.
Sigrid Undset, Olav Audunssohn. Aus d. Reihe: Olav Audunssohn Bd. 1, übers. v. Gabriele Haefs [Orig. Titel: Olav Audunssøn i Hestviken], ab 16 Jahren
Stuttgart: Kröner Verlag 2025, 672 Seiten, 30,90 €, ISBN 978-3-520-62905-0
Weiterführende Links:
Kröner Verlag: Sigrid Undset, Olav Audunssohn
Wikipedia: Sigrid Undset
Wikipedia: Gabriele Haefs
Andreas Markt-Huter, 15-01-2026