„Es war einmal, lange, lange bevor die Großmutter deiner Großmutter geboren wurde, ein alter Besenbinder, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern, Hänsel und Gretel, am Rande eines großen düsteren Waldes lebte. Der Besenbinder war ein unbeschwerter Mann, seine Frau dagegen, die Stiefmutter der Kinder, ein Drachen.“
Stephen King kleidet das bekannte Kindermärchen der Gebrüder Grimm in ein neues, ganz eigenes Gewand, mit dem die düsteren Seiten der Geschichte noch einmal in einem ganz besonderen Licht erscheinen, was durch Maurice Sendaks ausdruckskräftige Illustrationen in all ihren Facetten unterstrichen wird.
Als treibende böse Kraft erscheint Hänsel und Gretels Stiefmutter, der es trotz des unbeschwerten Wesens des Vaters gelingt, diesen davon zu überzeugen, dass die Kinder im Wald ausgesetzt werden sollen. Während Gretel in dieser Nacht von Engeln träumt, die den Mond umkreisen, träumt ihr Bruder von einer Hexe, die mit einem Sack voller Kinder durch die Wolken fliegt.
Die Kinder sind verzweifelt, nachdem Hänsel die Pläne seiner Eltern, sie im Wald auszusetzen, belauschen hat können. Am frühen Morgen werden die Kinder tief in den Wald gelockt und mit einer List in Sicherheit gewogen und zurückgelassen. Die Kinder folgen der Kieselspur, die Hänsel auf dem Weg durch den Wald gelegt hat. Während sich ihr Vater glücklich zeigt, ist die Stiefmutter entsetzt, als die Kinder plötzlich wieder vor der Hütte der Eltern stehen und versteckt ihr Handeln hinter einer Ausrede.
Für die nächsten Tag plant die Stiefmutter neuerlich die Kinder im Wald auszusetzen, doch gelingt es Hänsel diesmal nicht, Steine zu sammeln, um den Rückweg aus dem Wald zu markieren. So finden sich die Kinder schließlich verloren und verlassen im Wald wieder, bis sie auf ihrer Suche nach einem Heimweg schließlich ein merkwürdiges Häuschen entdecken, das ganz mit Lebkuchen und Süßigkeiten bedeckt ist. Als sie davon essen, erklingt von drinnen eine sanfte Stimme:
„Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“
Stephen King betont den Schrecken der alten bekannten Geschichte indem er die Gegensätze zwischen Sein und Schein ganz besonders betont. So steckt hinter der freundlichen sanften Stimme der Hexe eine böse und grausame alte Frau und auch das zuckersüße Häuschen zeigt bald seine wahre Fratze, wodurch die Wendung zum Glück in umso hellerem Licht erscheint.
Die überaus spannende Nacherzählung des alten Kindermärchens der Gebrüder Grimm bietet im neuen Gewand des Meisters der Horrorgeschichten eine neue fesselnde Interpretation des Märchenklassikers, die durch die ausdruckstarken Illustrationen von Maurice Sendak eine eigene Fantasiewelt eröffnen. Ein spannendes und unterhaltsames gemeinsames Lesevergnügen für Jung und Alt.
Stephen King, Hänsel und Gretel. Ill. v. Maurice Sendak, übers. v. Lena Riebl [Orig. Titel: Hansel and Gretel], ab 6 Jahren
Zürich: Atlantis Verlag 2025, 56 Seiten, 20,60 €, ISBN 978-3-7152-0927-2
Weiterführende Links:
Atlantis Verlag: Stephen King, Hänsel und Gretel
Wikipedia: Stephen King
Wikipedia: Maurice Sendak
Andreas Markt-Huter, 20-01-2026