„Sie erwachte lange vor Sonnenaufgang. Die Kinder schliefen noch, alles war still. Und doch vernahm sie, dass dort draußen etwas lauerte. Schließlich gab sie es auf, wieder einzuschlafen, schlang sich eine Decke um die Schultern und setzte sich wartend ans Fenster. Als der Morgen graute, schälten sich die vertrauten Formen aus der Dunkelheit. Die zackigen Spitzen der Nadelbäume, das schiefe Dach der Scheune, die Axt, die immer noch im Hackklotz steckte. Und etwas, das nicht dort hingehörte. Sie blinzelte, doch die Gestalt verschwand nicht.“ (S. 9)
Ava und ihre kleine Schwester Linn leben gemeinsam mit ihrem Vater in einer kleinen Waldhütte, am Rande des gefährlichen dunklen Walds. Überall herrscht eine schreckliche Hungersnot und auch Ava und ihre Familie ernähren sich seit langer Zeit nur noch von Baumrinden und Pilzen. Ihre Mutter soll vor langer Zeit verflucht und getötet worden sein, als sie die beiden kleinen Mädchen vor den Nachstellungen einer Hexe gerettet hat.
Als die Hungersnot immer größer wird und Ava Vater bereits die Särge für sich und seine Kinder gezimmert hat, macht sich die Familie, in der Hoffnung auf ein besseres Leben und im Kampf um das nackte Überleben, auf den Weg in die Stadt des Kaisers. In ihrer Not beschließen sie den kurzen und direkten Weg durch den gefürchteten Wald zu nehmen, dessen Betreten den beiden Mädchen bislang immer strengsten verboten war. Nach einer Nacht im Wald müssen die Mädchen am Morgen mit Entsetzen feststellen, dass ihr Vater verschwunden ist und nicht mehr zurückkehren wird.
Die beiden Mädchen müssen schließlich den Weg durch den Wald alleine fortsetzen. Als am folgenden Morgan auch noch Linn verschwindet, macht sich Ava verzweifelt auf die Suche nach ihrer kleinen Schwester. Sie entdeckt eine menschgemachte Brücke über den Fluss und sieht eine leuchtende Gestalt, bevor alles in einem Nebel verschwindet. Zwei Mädchen in tropfnassen Kleidern fordern sie auf ihr zu einem Haus zu folgen, wo eine riesige Frau auf sie wartet und sie willkommen heißt.
„Ich heiße Nebula. Und das hier ist mein Zuhause.“
Auch wenn Nebula sich um Ava kümmert, hält sie Lynn doch in ihrer Kammer verborgen. Dazu stellt sich für Ava noch die Frage, wer diese Nebula eigentlich ist und was all die anderen Kinder bei ihr für eine Rolle spielen.
Gry Kappel Jensen erzählt in ihrem düsteren Auftaktband der „Eventyr-Saga“ die geheimnisvolle Geschichte zweier verarmter Mädchen, die von ihrem Vater verlassen wurden und in die Fänge einer mysteriösen, geheimnisumwitterten Frau geraten, die mit den Kindern ihre eigenen Ziele zu verfolgen scheint.
Der ebenso spannende wie fesselnde Jugendroman entführt die Leserinnen und Leser in eine unheimliche gefährliche Umwelt, die erst nach und nach ihre Geheimnisse preisgibt. Ein überaus lesenswerter Fantasyroman, der sich an das Märchen von Hänsel und Gretel anlehnt und die Leser von Beginn an in ihren Bann zieht und neugierig die Fortsetzung erwarten lässt.
Gry Kappel Jensen, Tochter des Nebelwalds. Aus d. Reihe: Eventyr-Saga Bd. 1, übers. v. Meike Blatzheim / Sarah Onkels [Orig. Titel: I den mørke skov – Eventyrsagaerne I], ab 12 Jahren
Hamburg: Carlsen Verlag 2026, 304 Seiten, 15,50 €, ISBN 978-3-551-55956-2
Weiterführende Links:
Carlsen Verlag: Gry Kappel Jensen, Tochter des Nebelwalds
Homepage: Meike Blatzheim
Andreas Markt-Huter, 17-03-2026