Gesellschaft | Kultur

Martin Kolozs, Immer November

h.schoenauer - 23.11.2012

Ein verstörter Held, der seine Verstörung durch einen wahnwitzigen Amerika-Trip bekämpfen will, wird in den Klassikern Kafkas, Handkes und Gerhard Roths jeweils noch verstörter, um entweder hinter Oklahoma für immer zu verschwinden oder in der eigenen Mythologie zu Grunde zu gehen.

Martin Kolozs schickt seinen kaputten Helden Hans Salten durchaus mit dem Gefühl literarischer November-Figuren nach Amerika. Salten hat zu Hause in der Alpen-Provinz ein ziemlich bodenloses Gefühl mit sich selbst und vertraut sich daher einem literarischen Psycho-Therapeuten an. Dieser entdeckt bald einmal, dass er es mit einer Art Literaturwahn zu tun hat, welcher seinen Patient tagein tagaus, mit und ohne Buch verfolgt.

Roman Maria Koidl, Blender

h.schoenauer - 21.11.2012

Ein Untertitel, der straff ins Unterbewusstsein fährt und dort Zustimmung auslöst, zwingt einen geradezu, auch den Obertitel und das ganze Buch dazu zu lesen. Denn wer kommt nicht in euphorische Zustimmung, wenn behauptet wird, dass immer die Falschen Karriere machen?

Roman Maria Koidl nennt diese Typen, die in allen Gesellschaftsschichten den Ton angeben, Blender. Und die potentiellen Leser sind also offensichtlich das Gegenteil, nämlich aufgeklärte, nicht verblendete Erscheinungspuristen.

Elisabeth R. Hager, Kometen

h.schoenauer - 19.11.2012

Das Leben gleicht in seiner physikalischen Unermesslichkeit tatsächlich einem Kometen, der einer geheimen Flugbahn folgend jäh am Firmament aufleuchtet und als helles Gas-Gebilde verschwindet.

Elisabeth R. Hager nimmt dieses kometenhafte Aufblitzen und Verschwinden zum Anlass, um ihre Heldin zum Leuchten zu bringen, ehe sie verglüht. Klara Bergerer, die rundherum Bubi genannt wird, erwischt in Berlin eine Droge, die sie aus den Socken wirft. Ein gewisser Hans hat ihr das Zeug eingeflößt und Bubi erfährt daraufhin einen Filmriss, in der Literatur wunderschön dargestellt mit jeweils ein paar leeren Seiten.

Harald Gordon, Die Memoiren des Fredi P.

h.schoenauer - 16.11.2012

Wenn man das Leben ernsthaft genug betreibt, hat man auf jeden Fall genug Stoff für seine Memoiren.

Harald Gordon lässt seinen dreizehnjährigen Fredi mit kühner Miene aufmarschieren, ähnlich dem Oskar in der Blechtrommel ist er irgendwie fertig auf die Welt gekommen und hat auch schon als Schüler einen ziemlichen Überblick über die Welt.

Florian Gantner, Sternschnuppen der Menschheit

h.schoenauer - 12.11.2012

Im Jahrhundertbestseller „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig geht es um vierzehn historische Höhepunkte, welche angeblich die Menschheit verändert haben sollen.

Florian Gantner nimmt diese hehre Vorlage zum Anlass, um über die Menschheit etwas ganz Irdisches, Gewöhnliches und Unscheinbares zu erzählen. In einer Rahmensituation packt ein schwadronierender Naturwissenschaftler seine ungelegten Erzähl-Eier aus, um einer Frau zu imponieren. Dabei erfindet er eine kosmische Konstellation, in deren Sternschnuppen sich die trivialsten Geschehnisse entwickeln.

Renate Scrinzi, Und Emilio lächelt

h.schoenauer - 12.11.2012

Auszählreime sind oft die beste Struktur, um ein raffiniertes Menschenschicksal darzustellen.

Renate Scrinzi stellt ihrem Roman „Und Emilio lächelt“ eine markante Faustformel des legendären tschechischen Langstreckenläufers Emil Zátopek voran: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft.“ (5)

Marlene Schwarz, Catania

h.schoenauer - 09.11.2012

In der Literatur gibt es oft ein strenges Ranking verschiedener Nachrichten. So muss fallweise eine Verwandtschaftsbeziehung einem Text vorausgestellt werden, damit sich die Leserschaft anschließend voll auf den Text konzentrieren kann.

Im Falle von Marlene Schwarz muss man einfach wissen, dass sie die Schwester von Herbert Rosendorfer ist, und dieser beschreibt jene in einem Vorwort als die Strukturierteste und Emsigste unter den Geschwistern.

Andrej Kurkow, Der Gärtner von Otschakow

h.schoenauer - 05.11.2012

Eine gute Geschichte ist letztlich wie die Geschichte überhaupt nichts anderes als der Wechsel von Zeit.

In Andrej Kurkows skurrilem Roman über den permanenten Zeitenwechsel taucht allmählich das wahre ukrainische Untergrundleben glasklar hervor wie in einem Geschichtsbuch voller Verständnis und Augenzwinkern.

James Franco, Palo Alto

h.schoenauer - 02.11.2012

Pubertät und Sex bis zum Anschlag, Partys und Drogen bis zum Abwinken, Poesie und Hilflosigkeit bis zum Umfallen der Seele, das alles aufgesplittet in eine Handvoll Kurzgeschichten. - So kann nur ein Meister des cineastischen Wahnsinns mit dem Stoff umgehen.

Tatsächlich nennt der Hollywood-Schauspieler James Franco seine Geschichten Lehrstücke einer extremen Jugend. Er stillt dabei diese von uns Lesern gerne unterdrückte Lust, eine Story vielleicht einmal ohne Moral und mit fatalem Ausgang lesen zu dürfen.

Ursula Bauer / Jürg Frischknecht, Schüttelbrot und Wasserwosser

h.schoenauer - 30.10.2012

Der Vinschgau, diese bemerkenswerte Kulturlandschaft zwischen Reschen und Meran, besitzt an seinem westlichen Ende lauter Ausstülpungen, mit denen der wandernde Mensch geradezu ins Innere gezogen wird.

Ein vernünftiger Mensch kann gar nicht anders, als der Neugierde nachzugeben und sich dem Vinschgau in die Arme zu werfen.