Andreas Pavlic, Selige Unruhe
Manche Romane richten sich pädagogisch wohl kalkuliert an eine bestimmte Altersgruppe. Selige Unruhe legt schon im Titel nahe, dass es sich dabei um Ruheständler handelt, die artig gegendert sind.
Tatsächlich scheint sich der Unterhaltungsroman von Andreas Pavlic an die Zielgruppe „ältere Damen“ zu wenden, denn diese spielen die Hauptrolle. Die Kohorte der jetzt Siebzigjährigen hat in ihrer Jugend wie verrückt die Abenteuer-Serie „Fünf Freunde“ der Enid Blyton (1897-1968) gelesen. Was liegt also näher, als im Stile eines Retro-Romans auf die 1960er ein Abenteuer aus der Gegenwart zu erzählen. Der Plot zwingt einen geradezu auf diese Erwartungsschiene, denn vier Freundinnen, die als aktive Berufstätige vor dreißig Jahren einmal eine Bürgerinitiative abgewickelt haben, treffen sich als Betagte zu einem Revival.
„Nach dem Erdbeben bat man Mr. Jack London, der vierzig Meilen nördlich von San Francisco lebte, zum Unglücksort zu reisen und einen Bericht über das, was er sah, zu verfassen.“
Jede Epoche stellt vor allem die Glanzlichter als Errungenschaften ins Licht der Geschichte, Aufgabe der zeitgenössischen Kunst ist es dann immer, die Schattenseiten und Hinterhöfe dieser Glanzlichter zu dokumentieren.
„Manchmal treiben einen schlechte Architektur oder Möbel geradezu aus Kirchen hinaus. Manchmal lohnt sich in Kirchen die Betrachtung von Dingen, die üblicherweise dem Blick entzogen sind oder kaum Aufmerksamkeit erfahren.“
„Europa war ein Kontinent der Regionen, und es war zugleich Teil einer globalen Ordnung. Diese Charakterisierung benennt eine Grundspannung, die die europäische Geschichte auch über das 18. Jahrhundert hinaus begleitete. Regionale Vielfalt ist als Sprachenvielfalt, als Vielfalt religiöser Überzeugungen, als Vielfalt politischer und wirtschaftlicher Ordnungen und als kulturelle Vielfalt stets existent geblieben.“ (S. 9)
„Meine Mandantin wird beschuldigt, den Ex-Freund ihrer Schwester getötet zu haben. Tatsächlich wird sie nicht nur beschuldigt, sie war es.“ (46)
Ein lyrisch überzeugender Titel zieht das Publikum an, indem er ihm eine Aufgabe stellt, ein vorgebliches Rätsel zum Lösen. – „Ortsauflösung“ ist so eine Aufgabe, die man leichtfertig in Angriff nimmt, indem man den Namen eines Ortes für ein Ratespiel erschließt, indem man einen konkreten Ort auflöst wie eine Verlassenschaft oder indem man ein lyrisches Ortsbild dekonstruiert in emotionale Pixel.
„Dieses Buch trägt den Titel Ketzer, dabei galten nicht alle Glaubensvorstellungen, die hierin dargelegt werden, als ketzerisch – ganz im Gegenteil. Einige waren schismatisch, andere wurden lediglich missbilligt – und viele der überraschenden Geschichten, von denen hier berichtet wird, waren (auch wenn die Kirche das mitunter nicht allzu gern sah) jahrhundertelang ein akzeptierter Teil des christlichen Kultes.“ (S. 25)
Sprache als Waffe: Wie Demagogen den Diskurs vergiften. Es gibt Sachbücher, die vielfach polemisch verwendete Schlagwörter in einen präzisen Begriff überführen. Demagogie von Paul Sailer-Wlasits gehört in diese Kategorie.
Seit es Aufzeichnungen gibt, spielt die Rhetorik im Umgang der Menschen untereinander eine Rolle. Von den Tontafeln aufwärts bis hinein in die Welt der Apps gibt es jede Menge Tipps und Ratschläge, wie man mit guter Rhetorik überleben oder gar reüssieren kann. Das mündliche Handwerk ist seit Jahrtausenden mit einem verschriftlichten Regelwerk hinterlegt.