Gesellschaft | Kultur

Christian Grataloup, Geogeschichte - Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte

Andreas Markt-Huter - 03.12.2025

Christian Grataloup, Geogeschichte - Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte„Dem vorliegenden Buch geht es um eine Synthese dieser beiden Perspektiven. Die erste, horizontale, ist die der Beziehungen zwischen Gesellschaften auf der Erdoberfläche, die der Grenzen und Konflikte, der Verbreitungen und Eroberungen. Die zweite, vertikale, ist die der Domestizierungen, des Bergbaus, der Reisfelder, der Verschmutzungen. Unsere Erzählung verknüpft beide, um mit den Füßen fest auf der Erde zu bleiben. Wir werden Meeresströmungen und Seefahrer kennenlernen, Berge, Wüsten und Eroberer, Bauern und zu kalte Winter …“ (S. 12)

Wie, in welchem Zeitraum und aus welchen Gründen ist die erstaunliche Verbreitung des Menschen über alle Regionen dieser Erde erfolgt und was waren die Ursachen für die unterschiedlichen Dynamiken und Entwicklungsgeschwindigkeiten von Gesellschaften? Diesen Fragen werden in Bezug auf ihre geographischen, klimatischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen und Veränderungen gestellt, um Ursachen und Wirkungen auf den historischen Verlauf der Menschheitsgeschichte nachzugehen. Dabei sollen die Erklärungsmodelle Werkzeuge der Geographie für das Verständnis der Vergangenheit fruchtbar gemacht werden. 

Margit Weiß, Was man nicht sieht, ist doch da

h.schoenauer - 01.12.2025

Margit Weiß, Was man nicht sieht, ist doch daWenn eine zarte Pflanze verletzt wird, wächst sie geduckt und verwundet auf. – Diese Baumschulweisheit gilt erst recht für Kinder, die in Aufzucht-Institutionen rabiater Systeme unter die Räder gekommen sind. Margit Weiß erzählt vom zehnjährigen Hans Dakosta, der 1954 vom Unterricht abgeholt wird und ohne Wissen seiner Eltern in eine Erziehungsanstalt gesteckt wird. „Was man nicht sieht, ist doch da!“ – Diese Erfahrung, die der junge Held im Erziehungssystem der Tiroler Nachkriegszeit machen muss, wird zu einem leidvollen Leitsatz, mit dem der Held sich über Wasser zu halten versucht. Dabei ist auch diese Fügung schon wieder heimtückisch, denn im großen Schlafsaal der Anstalt spielt Bettnässen eine gewichtige Rolle.

Der Roman wird in elementaren Erziehungs-Sketches erzählt, die wie saure Halloween-Bonmots zu einer desaströsen Karriere aufgefädelt sind. Die einzelnen Kapitel sind jeweils um die Protagonisten angesiedelt, sodass sich die Möglichkeit ergibt, in das Innere der Bösewichte zu blicken, während sie ihren Frust am Helden abarbeiten.

Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abends

h.schoenauer - 28.11.2025

Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abendsLyrik ist immer auch eine Zeitmaschine, in den Gedichten geschieht geradezu selbstverständlich, dass etwas in die Zukunft gehoben wird, das noch gar nicht die Gegenwart erreicht hat. Rudolf Kraus überschreibt seine Gedichte mit dem schönen Zeitschieber-Satz: „wenn ich am morgen schon abends“. Das lyrische Ich scheint die Gedanken nachhaltig zu fassen, zumindest für einen ganzen Tag sollten sie Gültigkeit haben.

Mit dieser Tagesklammer zwischen „am Morgen und abends“ ist auch die Thematik abgesteckt, das lyrische Ich wirft den Tag an und lässt den Gedanken freien Lauf. In dieser lyrischen Zentrifugalkraft schleudert sich das Poetische erst in den Abend hinein, wodurch das Gedicht zu einem harmonisierenden Abschluss kommt.

Werner Schandor, Flüchtiges Spiel

h.schoenauer - 26.11.2025

Werner Schandor, Flüchtiges SpielMarkante Buchtitel haben oft das Zeug dazu, unerwartet eine ganze Epoche zu beschreiben. Der Gesellschafts-Thriller „Flüchtiges Spiel“ fasst diese Verdunstung von Beziehungen, den oberflächlichen Umgang mit der Wahrheit und die Selbstauflösung von Regeln während des Spiels zu einer Stimmung zusammen, die über der Business-Welt Österreichs zu liegen scheint.

Werner Schandor verwendet für seine Analyse von Werbetricks, politischen Machenschaften, Casino-Mentalität und unverbindlichen Beziehungen einen Plot, der die Leser quasi von der ersten Seite an aus dem erwartbaren Muster einer prosperierenden Konsumwelt reißt.

Udo Kawasser, tarquinia – gespräche mit schatten

h.schoenauer - 21.11.2025

Udo Kawasser, tarquinia – gespräche mit schattenLyrik sucht zwischendurch sogenannte lost places auf, worin sie mit den Augen einer überreizten Gegenwart in den Bildern abgeschlossenen Verfalls wühlt. Udo Kawasser siedelt sein Poem rund um die etruskische Stadt Tarquinia an, die neben den Gebilden der Gegenwart vor allem aus Ausgrabungen, Mythos, historischen Befunden und Artefakten des Totenkultes besteht. Wo immer eine lyrische Messstation im Gelände aufgestellt wird, versammelt sich sofort poetische Materie drum herum.

Das Projekt ist mit dem Untertitel versehen: „Gespräche mit Schatten“. Sobald die Sendequelle ihren fragenden Schall in die Vergangenheit richtet, reagieren diverse Echos, Zeitbrüche, Rotverschiebungen und mineralische Verwerfungen auf die anfragende Stelle.

Tony Allan u.a., Philosophie – Menschen, die unsere Welt prägten

Andreas Markt-Huter - 19.11.2025

Tony Allan u.a., Philosophie – Menschen, die unsere Welt prägten„Die in diesem Band vorgestellten Personen hatten eine sehr unterschiedliche Sicht auf die Welt, auf uns und davon, wie wir unser Leben führen sollten. Zuweilen stellt sie Denkkonstrukte auf, von denen einige Bestand haben und andere der Zeit, dem Licht neuer Erfahrungen oder weiterer Überlegungen zum Opfer fielen. Doch alle waren sich der Bedeutung ihrer Aufgabe bewusst.“ (S. 9)

Mehr als 100 berühmte Philosophen von den Anfängen der Philosophie im Altertum bis in die Gegenwart werden in ausführlichen Beiträgen vorgestellt und die zentralen Aussagen ihres philosophischen Denkens erläutert. Wer sich einen anschaulichen schnellen Überblick über die einflussreichsten Philosophen in der Geschichte der Philosophie machen will, ist mit diesem Sachbuch gut bedient.

Irene Schrattenecker, Das Leben der Wörter

h.schoenauer - 17.11.2025

Irene Schrattenecker, Das Leben der WörterVielleicht sollten wir neben den Tieren und Pflanzen auch die Wörter als Lebewesen würdigen, die uns zwar täglich hilfreich zur Seite stehen, die wir aber regelmäßig zum Aussterben verdammen. Irene Schrattenecker geht mit ihren knapp dreißig Miniatur-Erzählungen Gedanken nach, die im Laufe eines Tages so daherkommen, die man aber meist unbeachtet weiterziehen lässt. Die einzelnen Texte könnte man als impressionistische Petitessen bezeichnen, wie sie seit Robert Walser als Inbegriff für das Flanieren durch den eigenen Kopf gelten.

Die Konsistenz dieses Wörter-Denkens wird in den ersten drei Impressionen vorgestellt, wenn es um „Das Leben der Wörter“, „Wörterbuchreise“ und „Lesen“ geht. Aus diesen schlichten Überschriften leiten sich jeweils träumerische Gedankenschleifen ab, die zu einem Spaziergang durch das Sprachgelände einladen, worin vielleicht alte Geschichten aus der Stadt aufgestellt sind wie Rastbänke am Wegesrand.

Andreas Pargger, Wie wir leben wollen

h.schoenauer - 14.11.2025

Andreas Pargger, Wie wir leben wollenDer sogenannte Lebensstil lässt sich oft kunstvoll zu einem Stillleben zusammenfassen, das sich als Bild oder Gedicht präsentiert. Andreas Pargger unternimmt im Lyrikband „Wie wir leben wollen“ gut fünfzig Anläufe, um sogenannte Lebensentwürfe auszuprobieren. Dabei poppen die Gedichte als Momentaufnahmen auf, in denen sich ein dramatischer Prozess ablesen lässt wie bei einem Poster, das einen besonderen Gestus einer Rolle in den Vordergrund stellt.

An einen Dreiakter erinnert auch die schlichte Gliederung in Abschnitt I (7), II (31) und III (87). Für die optische Wahrnehmung sind die Gedichte zugleich weit und konzentriert aufbereitet. Generell stehen die Gedichte auf der ungeraden „Aufmerksamkeit heischenden“ Seite rechts, währen die linke Seite fast durchgehend leer bleibt. Es herrscht also Rechtsverkehr, während links die Signale stehen in Gestalt einer binären Seitennummerierung, die leere Seite wird genauso gezählt wie die volle.

Josef Gelmi, Das große Buch der Päpste - Von Petrus bis Leo XIV

Andreas Markt-Huter - 10.11.2025

Josef Gelmi, Das große Buch der Päpste - Von Petrus bis Leo XIV„Dieses Buch möchte eine wissenschaftlich fundierte, aber leicht lesbare Geschichte der Päpste für jedermann bieten. Es wird nichts schöngeredet, nicht nur in eine Richtung gedacht und auch nicht polemisiert, sondern versucht, möglichst objektiv die Geschichte der »Stellvertreter Christi auf Erden«, die durchaus eine Reihe von fragwürdigen, umstrittenen und zweifelhaften Gestalten aufweist, darzustellen.“ (S. 7)

Seit fast zweitausend Jahren verbindet das Amt des Papstes die Anfänge des Christentums mit der Gegenwart. Der Papst als Nachfolger des Apostels Petrus spielt im katholischen Glauben eine ganz besondere Rolle und übt als oberster Lehrer, Priester und Gesetzgeber einen Primat der Jurisdiktion in der Kirche aus. So gelten seine ex cathedra Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehre als unfehlbar.

Dan Jones, Kreuzfahrer

Andreas Markt-Huter - 05.11.2025

Dan Jones, Kreuzfahrer„Dies ist ein Buch über die Kreuzzüge: die Kriege, die christliche, päpstlich sanktionierte Heere gegen die vermeintlichen Feinde Christi und der Kirche von Rom im Mittelalter führten. Der Titel Kreuzfahrer beschreibt sowohl das Thema als auch meinen Ansatz. Im Mittelalter gab es lange Zeit kein Wort, um «die Kreuzzüge» so zu beschreiben, wie wir sie heute verstehen: eine Reihe von acht oder neun großen Expeditionen von Westeuropa ins Heilige Land, ergänzt durch eine Reihe weiterer, indirekt damit verbundener Kriege, die von den sonnenverwöhnten Städten an der nordafrikanischen Küste bis zu den kältestarren Wäldern des Baltikums geführt wurden.“ (S. 19 f)

Dan Jones erzählt in seiner Monographie „Kreuzfahrer“ die Geschichte der Kreuzzugsbewegung von seinen Voraussetzungen und Anfängen seit den 1060-er Jahren über den endgültigen Zusammenbruch des Königreichs Jerusalem im Jahr 1291 hinaus bis zum Abschluss der Reconquista in Spanien im Jahr 1492. Konzipiert ist das Buch als chronologische Aufeinanderfolge von Episoden von Personen, die an den Kreuzzügen auf verschiedenen Seiten, ober Männer oder Frauen, Christen oder Muslimen, beteiligt waren. Die daraus resultierenden unterschiedlichen Blickwinkel, machen den ganz besonderen Reiz der Darstellung aus.