Gesellschaft | Kultur

Michael Dibdin, Im Zeichen der Medusa

h.schoenauer - 04.11.2019

bild michael dibdin im zeichen der medusaAls Information über ein Land sind Krimis nur eingeschränkt nützlich. Üblicherweise haben Krimi-Autoren nämlich kaum Arbeit mit der Recherche, sie googeln grob ein paar Ortschaften herunter und geben dem Helden ein paar sinnlose Aufgaben.

Der englisch-amerikanische Autor Michael Dibdin (1947-2007) hat längere Zeit in Perugia unterrichtet und bei dieser Gelegenheit elf Krimis über die entlegensten Teile Italiens geschrieben. So ist auch Südtirol zu einem Roman gekommen, der allerdings nur dünn in Bozen und in einem versteckten Militär-Tunnel in den Dolomiten spielt.

Lydia Davis, Samuel Johnson ist ungehalten

h.schoenauer - 01.11.2019

bild davis samuel johnson ist ungehaltenUnverwechselbare Erzählerinnen liefern nicht nur Stoffe und Plots, sondern kümmern sich auch um jenen Tick, der diese Stoffe dann zu einer „Erzähl-Marke“ macht.

Lydia Davis arbeitet seit Jahrzehnten an ihren Stories, die mal ganz knapp an ein Tagebuch herangeführt sind, dann wieder als Zitat-Inseln für größere Werke angelegt sind, und die schließlich testen, ab wann die kritische Grenze einer Story erreicht ist, sodass sie als bloße Zeile in sich selbst zusammenbricht wie ein abgeglänzter Stern.

Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, Briefe ohne Nadeln

h.schoenauer - 30.10.2019

beaumarchais_briefe ohne nadelnDie erotische Freizügigkeit wird oft als linearer Vorgang missverstanden, wonach die Gesellschaften jedes Jahr frecher werden müssten. In Wirklichkeit ist die Gegenwart oft ganz schön verklemmt, wenn man sie an wilden Epochen misst.

Eine Gesellschaft voller haptischer und genitaler Üppigkeit breitet sich in den höheren Kreisen des Ancien Régimes am Vorabend der Französischen Revolution aus. Unter anderem werkelt ein gewisser Beaumarchais als Erfinder, Schriftsteller und Lobbyist am Hof. Er ist der „Vater des Figaro“ und wird als solcher unsterblich in die Literaturgeschichte eingehen.

Jörn Birkholz, Das Ende der liegenden Acht

h.schoenauer - 25.10.2019

jörn birkholz, das ende der liegenden achtDer Weltuntergang muss nicht schrecklich sein, er kann Erleichterung und Sinn verschaffen, wenn zuvor alles schiefgeht.

Jörn Birkholz stellt mit dem „Ende der liegenden Acht“ so etwas wie einen umgekehrten Katastrophen-Roman vor. Üblicherweise sieht man bei Katastrophenfilmen zuerst immer eine heile Welt, wobei viel geturtelt und geliebt wird, ehe beispielsweise der Vulkan ausbricht. Bei Jörn Birkholz ist zuerst die Hartz-4-Hölle los, der Held versinkt im eigenen Hormonstau, auf allen Stockwerken gehen die Lebensentwürfe flöten. Da wirkt es geradezu wie eine Verheißung, als sich die Nachricht verbreitet, ein Atomkraftwerk sei in die Luft geflogen.

Andrea Wolfmayr, Ausnüchterung

h.schoenauer - 23.10.2019

andrea wolfmayr, ausnüchterungEchte Provinzromane stellen die wichtigen Fragen in regelmäßigen Abständen. „Aber wie war sie um Himmels willen nun hier gelandet?! Müde, abgearbeitet und fett, fett, fett!“ (10)

Nach den euphorisierenden Aufmischer-Romanen „Weiße Mischung“ und „Roter Spritzer“ geht es in „Ausnüchterung“ um ein schnörkelloses Verhältnis zur Realität.

Luise Schorn-Schütte, Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit

andreas.markt-huter - 21.10.2019

luise schorn-schütte_geschichte europas in der frühen neuzeit„Die Geschichte der europäischen Frühen Neuzeit ist faszinierend in ihrer Fremdheit – und vertraut in ihrer Nähe zur eigenen Gegenwart. In dieser Spannung bewegt sich die folgende Einführung und versucht damit einer Sichtweise der letzten Jahre zu weiterer Anerkennung zu verhelfen, die eine Reduzierung der europäischen Geschichte des 16. bis 18. Jahrhunderts auf eine »Vorgeschichte der Moderne« für zu kurzschlüssig hält.“ (S. 9)

Nicht eine Geschichte der politischen Ereignisse oder eine Geschichte der Kriege steht im Mittelpunkt des Sachbuches „Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit“, sondern die Auseinandersetzung mit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen und deren Veränderungen in der Zeit zwischen 1500 bis 1789 - der Zeit zwischen Reformation und Französischer Revolution - und damit den Übergang von der mittelalterlichen Welt in unsere nahe Gegenwart.

Wilfried Steiner, Der Trost der Rache

h.schoenauer - 18.10.2019

wilfried steiner, der trost der racheDas Weltall und die Geschichte haben, zumindest wenn es nach dem Volksmund geht, eins gemeinsam: Die dunkle Materie in Gestalt von dunklen Löchern!

Wilfried Steiner knackt die Empfindsamkeit seines Helden Adrian mit dem rasanten Tod eines Onkologen. Im Roman „Der Trost der Rache“ stirbt der Vater Adrians an Krebs, obwohl er als Onkologe diesen ja vom Wissen her zähmen hätte müssen. Adrian geht es nicht mehr aus dem Kopf, dass wir letztlich nichts wissen und von Dunkelheit umgeben sind. Als Trauerarbeit wird er mit seiner Frau Karin auf die Kanareninsel La Palma reisen, um endlich durch das große Teleskop zu blicken, was seine Hobbykarriere als Astronom veredeln und zur allgemeinen Beruhigung beitragen soll.

Rosa S., Ich musste die Rute küssen

h.schoenauer - 16.10.2019

rosa s, ich musst die rute küssenWenn die Aufklärung nicht einmal in Zeiten der Globalisierung die Menschen erreicht, wie schlimm muss es erst in Zeiten gewesen sein, wenn alle noch in Tabus und totalitäre Staatsgefüge verstrickt sind?

Rosa S.‘ Lebensgeschichte ist mehrfach gefiltert wie Radioaktivität, mit der niemand ungeschützt in Berührung treten will. Anlässlich einer Radiosendung ist Rosa S. anonymisiert aufgetreten, um von ihrem geschlagenen Leben voller Gewalt zu erzählen. Die Reaktionen sind überraschend und mitfühlend. Die mittlerweile 80-jährige stellt mit Einverständnis ihrer Kinder eine schriftliche Fassung her, welche die Gewalt beschreibt, aber eventuell noch Lebende nicht denunzieren möchte.

Nina Scholz / Heiko Heinisch, Alles für Allah

andreas.markt-huter - 14.10.2019

nina scholz, alles für allah„In den vergangenen 40 Jahren ist innerhalb des Islam eine politische Bewegung herangewachsen, die, auf ältere islamische Konzepte zurückgreifend, im Islam ein ganzheitliches Programm sieht, das den einzelnen Menschen sowie Staat und Gesellschaft von Grund auf bestimmen soll. Diese Entwicklung, die der syrische Islamwissenschaftler Aziz Al-Azmeh als „Islamisierung des Islam“ bezeichnete, hat längst auch die muslimischen Communitys außerhalb der islamischen Welt erreicht.“ (S. 15)

Auch für Österreich und Deutschland konstatieren Nina Scholz und Heiko Heinisch eine zunehmende Islamisierung der muslimischen Gesellschaften durch radikale Richtungen, die eine streng islamische Lebens- und Gesellschaftsvorstellungen vorschreiben und den westlichen Rechtsstaat nur akzeptieren, solange er nicht den religiösen Grundlagen widerspricht.

Lenz Koppelstätter, Nachts am Brenner

h.schoenauer - 09.10.2019

lenz koppelst%C3%A4tter, nachts am brennerManche Orte sind so kalt, düster, aufgewühlt und abgehängt, dass ihnen nur noch ein Krimi beikommen kann. Ein Musterort für Krawall, Entgleisung, Mord und Totschlag ist der Brenner.

Lenz Koppelstätter ist der intellektuellste unter den Südtiroler Krimi-Machern. Allein sein Commissario Grauner, dessen Herz an einem Bio-Hof hängt und der zum Grübeln am liebsten Gustav Mahler hört, hat sich eine Lebensneugierde bewahrt, die ihn wohltuend von den üblichen angefressenen Beamten dieses Genres unterscheidet. Sein kongenialer Partner aus Sizilien fühlt sich in Südtirol pudelwohl, und das Duo tritt Alltags-kulturell so authentisch auf, dass man vergisst, dass hier eine deutschsprachige und italienische Seele eingespeist sind.