Max Wolf, Glücksreaktor
Obwohl wir alle wissen, dass es ein angelesener Rausch nie mit einem echten aufnehmen kann, lassen wir Lese-Profis uns immer wieder auf einen virtuellen Rausch ein. Man wird jung dabei, hat einen ordentlichen Fetzen und kann daraus ohne Kater oder sonstige Schäden erwachen. Ein Second-Hand-Rausch ist gerade für Senioren ideal.
Max Wolf wirft seinen „Glücksreaktor“ freilich am anderen Ende einer Seniorenbiographie an. Der siebzehnjährige Fred erwacht eines Tages in Faitach, einem Vorort von Erlangen, auf einer Ameisenstraße. Er ist Schüler an einem Oberstufengymnasium und kriegt am ehesten noch etwas von Physik mit. Der dritte Hauptsatz der Thermodynamik hat schon was für sich, weil er schnurstracks in die Entropie führt.
Wenn etwas schiefgeht, lautet die alte Frage meist: Liegt es am System oder am Helden? Ein gutes System tut verlässlich alles, um niemanden in es hineinzulassen, aber ein Held im 21. Jahrhundert hat oft auch Ermüdungserscheinungen, so dass es zu keiner heldenhaften Karriere kommen kann.
„Der Atlas der Weltwirtschaft liefert ein Gesamtbild, das starke Hinweise darauf enthält, was in der Weltwirtschaft schiefläuft und was die Staatengemeinschaft dagegen tun sollte.“ (S. 1)
Die größte denkbare Kluft tut sich nicht zwischen diversen Kulturen auf, sondern zwischen der Welt der Jugendlichen und Erwachsenen. Das hat neben pädagogischen Konsequenzen auch zur Folge, dass es kaum Brücken in der Literatur gibt, diesen Gap zu überwinden. Denn die Autoren schreiben selten das, was Jugendliche betrifft, und die Jugendlichen haben keinen Bock auf die Entschleunigungsliteratur der Erwachsenen.
Nicht umsonst hat es in der Lesedidaktik lange das Diktum gegeben: Wenn du ein anspruchsvoller Leser sein willst, musst du dich an russischen Romanen schulen! Wer nämlich durch die Slalomstangen eines üppigen Personalstandes halbwegs durch den Roman hindurch finden will, braucht auf jeden Fall Geduld und Erinnerungsvermögen, damit er eine Figur auch dann nicht verliert, wenn sie bloß einmal kurz vorkommt.
Tokyo Fragmente sind wahrscheinlich genauso schützenswerte Originale wie Lebensmittel, Weine oder Käse, die ihre Ursprungsbezeichnungen als Markenzeichen geschützt haben. Tokyo Fragmente könnte man in einer Schutzurkunde vielleicht als Notate bezeichnen, die ein Sprachforscher während seines Aufenthaltes im Großraum Tokyo niederlegt.
„Politische Korrektheit geht von der Prämisse aus, dass Ungleichheiten, die lange Zeit als natürlich gegolten hatten, so wie Geschlechter- oder Rasseungleichheiten, dem Auge des Betrachters deshalb weitgehend entzogen waren, weil diese Ungleichheiten der Weltsicht und den Interessen von Weißen, Christen und Männern dienten. Diese Ungleichheiten haben tiefe Wurzeln in die Sprache geschlagen …“ (S. 19)
Die Welt schrumpft in kleinen Städten an der Peripherie zu einer Trommel, auf der sich trefflich ein Polizist aufstellen lässt, der den Weltverkehr regelt.
„Tirol ist ein mehr oder weniger gelungener Bluff, der die Leute über den Tisch zieht, sobald jemand das Land betreten hat. Es gibt in Tirol nichts, was Sie nicht zu Hause in besserer Qualität haben könnten.“ (S. 5)
In der Soziologie gibt es auch einen spielerischen Zugang zu den Fakten, aber die Ergebnisse sind dann immer ernüchternd realistisch und beileibe kein Spiel. In der Abwandlung eines unschuldigen Kinderspiels lässt sich durchaus intensiv das eigene Leben durchspielen mit der Anleitung: Zeige deine Klasse!