Beziehung

Chris Lauer, Ortsauflösung

h.schoenauer - 22.04.2026

Chris Lauer, OrtsauflösungEin lyrisch überzeugender Titel zieht das Publikum an, indem er ihm eine Aufgabe stellt, ein vorgebliches Rätsel zum Lösen. – „Ortsauflösung“ ist so eine Aufgabe, die man leichtfertig in Angriff nimmt, indem man den Namen eines Ortes für ein Ratespiel erschließt, indem man einen konkreten Ort auflöst wie eine Verlassenschaft oder indem man ein lyrisches Ortsbild dekonstruiert in emotionale Pixel.

Chris Lauer stellt das Gedicht „Ortsauflösung“ wie ein Programm an den Anfang der Sammlung. Die Bahn streicht während ihrer Schrumpfung ganze Gegenden auf der Landkarte durch und löst dabei Ortschaften aus dem Netzplan, manche Gegenden sind restlos verarmt und werden von Joggern mit Stirnlampen im Laufschritt erkundet, Michelangelo ist unter die Sprayer gegangen und macht Renaissance-Kunst an der Brücke, in einem lyrisches Wir greifen ein Paar Hände ineinander und erklimmen einen Hügel, von wo aus sich ein wundersamer Schlafverlauf zu einem Hypnogramm zusammenfassen lässt.

Viktor Baumgartner / Alexander Peer, Die Kunst des Überzeugens

h.schoenauer - 15.04.2026

Viktor Baumgartner / Alexander Peer, Die Kunst des ÜberzeugensSeit es Aufzeichnungen gibt, spielt die Rhetorik im Umgang der Menschen untereinander eine Rolle. Von den Tontafeln aufwärts bis hinein in die Welt der Apps gibt es jede Menge Tipps und Ratschläge, wie man mit guter Rhetorik überleben oder gar reüssieren kann. Das mündliche Handwerk ist seit Jahrtausenden mit einem verschriftlichten Regelwerk hinterlegt.

Während seiner Durchschnittsbiographie erlebt der User von Rhetorik alle paar Jahre ein Update, worin sich Klientel, Sprache und Rituale dem aktuellen Zeitgeist anpassen. Dabei entsteht der Zeitgeist aus Rhetorik und umgekehrt.

Norbert Gstrein, Im ersten Licht

h.schoenauer - 13.04.2026

Norbert Gstrein, Im ersten LichtLiebe, Unglück, Krieg und Frieden geschehen fürs erste einmal so vor sich hin und werden erst später benannt und eingeordnet. In der Literatur verwendet man dafür den Ausdruck „im ersten Licht“, worin etwas Frisches liegt wie die Bergkette bei Morgenlicht oder die Veranda im Strahl des Frühstückskusses.

Norbert Gstrein erzählt „Im ersten Licht“ vom vergangenen Jahrhundert, als erzählenden Lichtstrahl verwendet er einen gewissen Adrian, der pünktlich 1901 für das damals noch frische Jahrhundert geboren ist, und dem bald einmal der Erste Weltkrieg in die Biographie pfuscht. Um nicht einrücken zu müssen, schlägt ihm sein Vater, ein Sozialdemokrat und Briefträger, mit der Axt einen Hinkefuß mit der Bemerkung, „die da oben sollen sich im Krieg gefälligst selbst ausrotten“.

Peter Pessl, Dieser seltsame Salamander Selbst

h.schoenauer - 03.04.2026

Peter Pessl, Dieser seltsame Salamander SelbstEhrensache, dass der vom Aussterben bedrohte Salamander durch die Aufnahme in den Buchtitel zumindest bei Archivaren vor dem Vergessen gerettet wird. „Dieses Tier ist so kalt, dass es Feuer auslöscht, wenn es dies berührt, wie es auch Eis tut.“ Für Peter Pessl ist dieses Zitat aus der Naturalis historia von Plinius dem Älteren eine perfekte Ermunterung, damit einen ganzen Lyrik-Band über das Selbst in Bewegung zu setzen.

Der Autor nennt sich in einer Kurzbiographie gerne Landmann und Bienenzüchter, der die südlichen Gefilde des Burgenlandes durchstreift. Diese Kombi-Berufsbezeichnung ist vielleicht eine Erklärung für die Funktion der Texte, die sich durchaus als Flanier-Protokolle botanischer Streifzüge lesen lassen.

Oswald Blassnig, Herr Gott noch mal!

h.schoenauer - 01.04.2026

Oswald Blassnig, Herr Gott noch mal!Was sich wie ein kontrollierter Fluch einer seelisch austarierten Person anhört, entwickelt sich im Verlaufe des lyrischen Prozesses zu einer Sucht. „Herr Gott noch mal“ kann eben auch den Wunsch ausdrücken, etwas möge noch einmal geschehen.

Oswald Blassnig bedient sich für die poetische Dokumentation täglicher Sinnfragen der Form des lyrischen Gebets. Im Vorwort spricht der Theologe Paul Zulehner von einem diskreten Gebetsraum, worin sich Staunen und Dankbarkeit abwechseln.

Elias Hirschl, Schleifen

h.schoenauer - 30.03.2026

Elias Hirschl, Schleifen„Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder.“ – Ein Start wie die Pest! Elias Hirschl pusht den Roman „Schleifen“ hinein in das Langzeitgedächtnis der Leser, in diesem fulminanten Pest-Satz ist letztlich der ganze Roman angelegt wie eine DNA-Scheibe für das dazugehörende Individuum.

Franziska Denk, nomen est omen, ist die Datenträgerin für einen Denkprozess, der vorgeblich von der Philosophie des Wiener Kreises angeschoben ist, in der literarischen Wirklichkeit aber als grandios-groteskes Gedankenexperiment über die Sprache ankommt.

Hannah K Bründl, schilfern

h.schoenauer - 27.03.2026

Hannah K Bründl, schilfernRare Wörter werden in der Lyrik manchmal aufgegriffen, neu aufgeladen und anschließend wieder ins Sprachgeschehen zurückgeworfen. So können zwischendurch Wörter recycelt und vor dem Aussterben bewahrt werden.

Hannah K Bründl (ohne Punkt im Zwischen-K) rettet mit dem Gedichte-Band „schilfern“ ein intimes Wort vor dem Untergang. Dieser Ausdruck für das „Abschilfern in kleinen Hautschuppen“ ist zudem nur regional im Einsatz, sodass es keine großen Schilfern-Erfahrungen am Kontinent gibt. Das ist aber auch nicht notwendig, denn die Autorin widmet sich jenem Bereich von „Liebe“, welcher für Frauen und weiblich gelesene Personen durchaus in Gewalt und Desaster enden kann.

Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wird

h.schoenauer - 23.03.2026

Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wirdEine Revolution bringt einen nicht weiter, selbst wenn sie gelingt, steht man immer noch am gleichen Fleck und schaut bloß in eine andere Richtung.

Raimund Bahr beginnt seine Eintragung im aktuellen Journal mit einer Überlegung als braver Staatsdiener. Zwar darf er mit Hingabe die revolutionären Schriften Bakunins lesen, aber als staatstreuer Unterrichter ist er verpflichtet, die Jugendlichen System-tauglich in die Zukunft zu führen. Dabei liegt ein großer Widerspruch zwischen dem, was an hehren Zielen in den Lehrplänen steht, und dem, was im Alltag zählt, nämlich die kapitalistische Ordnung mit dem permanenten Geldfluss von unten nach oben nicht zu stören.

Jan David Zimmermann, Das Himmelsnetz

h.schoenauer - 13.03.2026

Jan David Zimmermann, Das HimmelsnetzDas Groteske erscheint einem oft als eine verzerrte Welt, gesehen vielleicht durch eine verkehrt aufgesetzte Lesebrille. Selbst wenn man den irritierten Blick korrigiert, ist es nicht mehr möglich, das Schräg-Gesehene ungeschehen zu machen.

Jan David Zimmermann wirft unter dem Titel „Das Himmelsnetz“ zwölf Geschichten aus, die vorbeikommende Leser rasch umgarnen. Auf Anhieb umarmen uns die Erzählungen mit Themen aus Kindertagen, als wir atemlos Bücher über fragile Schiffe, untergegangene Berufe und Fallstricke des Alltags gelesen haben.

Alfred Paul Schmidt, Diese weite Welt

h.schoenauer - 11.03.2026

Alfred Paul Schmidt, Diese weite WeltWenn man die weite Welt nur eng genug fasst, hat man sie bald vollends im Griff und sie frisst einem aus der Hand. Alfred Paul Schmidt schrumpft in seinem Roman „Diese weite Welt“ das Universum auf die Stadt Graz herunter, der er den wundersamen Namen Schenn gibt, was schnell ausgesprochen etwa „schön“ bedeuten könnte. Und weil es so schön ist, heißt auch der Fluss Schenn, an den die Stadt angedockt hat.

Ich-Erzähler, Protagonist und Antreiber für exzessives Denken ist Christian Leitner, Schriftsteller und siebenundvierzig Jahre alt, was ein gewisser Anachronismus ist, denn üblicherweise sind erzählende Schriftsteller allemal in Ruhestand. Aber das ist der Held vielleicht auch, denn er geht keiner geregelten Arbeit, ja nicht einmal geregeltem Schreiben nach. In der Hauptsache streift er durch die Stadt und bleibt am Lokal Neger hängen, dessen Namen man gerade noch aussprechen darf, weil es sich um einen Traditionsbetrieb handelt, der nichts für Political Correctness kann.