Beziehung

Bernhard Strobel, Ein dünner Faden

h.schoenauer - 03.02.2016

Erzählungen verhalten sich oft wie ein feines Netzwerk, die einzelnen Stationen sind lose und mit hauchdünnen Kontakten unter einander verbunden. Und auch die diversen Figuren hängen zwar angeschlagen in den Seilen ihres eigenen Schicksals, halten aber ab und zu noch Ausschau, wie es den Partnern so geht.

Bernhard Strobel hat um die namensgebende Zentral-Erzählung „Ein dünner Faden“ neun Erzählungen ausgelegt. Seine Thujen-Episoden sind meist in einem Einfamilienhaus angesiedelt, wo sich die Protagonisten abgeschottet von der Umwelt im vorderen oder hinteren Gartenteil oder gar im Haus aufhalten. Meist sind es ausgelaugte Paare, die sich argwöhnisch beobachten, möglichst aus dem Weg gehen, um dann bei erster Gelegenheit einen Streit um nichts anzufangen.

Andreas Renoldner, Müllmänner

h.schoenauer - 29.01.2016

Die wirklich guten Krimis sind literarisch gesehen einfach Romane und umgekehrt werden gute Romane offensichtlich aus Markt-Gründen oft als Krimis ausgegeben.

Ein Krimi-Hybrid der aufregenden Art ist Andreas Renoldners Roman „Müllmänner“. Durch den erzähltechnisch fein austarierten Trick, ein kaputtes Ich immer nur so viel Logisches erzählen zu lassen, wie es dem Leser auch logisch vorkommt, wird bewirkt, dass der Leser sich immer dichter an die Psyche des Helden herantastet und schließlich mit ihm einem „verbrecherisch guten Ende“ entgegen zittert.

Thomas Pynchon, Die Versteigerung von No. 49

h.schoenauer - 22.01.2016

Romane über die bibliothekarische Lebensphilosophie sind weit häufiger, als man landläufig glaubt. Wo immer Nachrichten verwaltet, ausgehoben und in einen neuen Zusammenhang gesetzt werden müssen, sind bibliothekarische Hände im Spiel.

So handelt auch Thomas Pynchons „Versteigerung von Nr. 49“ als Klassiker der postmodernen Literatur letztlich vom Treiben und Getrieben-Werden jener Menschen, die mit Nachrichten zu tun haben.

Andreas Brugger, Über das Fallen

h.schoenauer - 20.01.2016

Manche Themen entwickeln geradezu eine eigene Literatur-Gattung. Das Fallen etwa ist seinerzeit während der Belagerung Leningrads von Daniil Charms literarisch zu einer solchen Spitzfindigkeit entwickelt worden, dass man ihn selbst in der Belagerung noch extra im Gefängnis festgesetzt hat, weil sein dichterisches Treiben noch im Untergang als gefährlich gegolten hat.

Andreas Brugger greift den Kosmos Fallen auf, um neben 41 Gedichten vor allem ein „Fragment über das Leben und Sterben des polnischen Lyrikers Wladyslaw Szlengel im Warschauer Ghetto“ auf die Bühne zu bringen.

Albert Ostermaier, Lenz im Libanon

h.schoenauer - 18.01.2016

Lenz im Gebirg gilt in der Literatur als der Inbegriff eines Helden, den es aus sich selbst hinausgetrieben hat und der ohne Koordinaten im Gelände in Aufwallung und Auflösung herumirrt. Das Wahnsinns-Genie Georg Büchner hat mit der Erzählung „Lenz“ 1835 dem Schriftsteller-Kollegen Jakob Michael Reinhold Lenz ein Denkmal gesetzt.

In welches Ambiente müsste sich heute ein Schriftsteller begeben, will er in einen ähnlichen Ausnahmezustand gelangen? - Albert Ostermaier lässt seinen Lenz der Gegenwart in einen Libanon reisen, der in Flammen steht. Schon im Flugzeug packt ihn jener Schwindel, den einst den Helden im Gebirge gepackt hat. Als er in Beirut landet, stellt er lapidar fest: „Diese Stadt ist gefährlich wie ich.“ (12)

Lilian Loke, Gold in den Straßen

andreas.markt-huter - 15.01.2016

„Jeder lebt seine Befindlichkeiten, zu was anderem ist der Mensch gar nicht fähig.“ (303)

Lilian Loke gelingt das schier Unfassbare: als emotionsgeladener Leser entwickelt man plötzlich Mitleid mit einem Immobilien-Makler, dem das Leben mehr oder weniger selbst verschuldet zwischen den Fingern zerrinnt. Held dieses Romans vom „Gold in den Straßen“ ist der Herr Meyer, der nur ganz selten mit dem Vornamen Thomas angesprochen wird, weil er alle Freundinnen, Partner und Fans strategisch zu vergraulen weiß.

Dieter Lenzen, Geliebt

h.schoenauer - 11.01.2016

Die statische und wie eine Wurstware gut abgehangene Form der Liebe ist das „geliebt“, das wie „geselcht“ klingt.

Und tatsächlich haben die Figuren in Dieter Lenzens Erzählband „Geliebt“ das meiste im Liebeswesen schon hinter sich. Manche sortieren noch, andere überlegen, wie sie die Sache beenden könnten, die dritte Gruppe schaut sich selber beim Zuschauen zu.

Friedrich Hahn, Der Setzkasten oder Erwin und die halben Luftballons

h.schoenauer - 08.01.2016

Es müssen nicht immer für die Öffentlichkeit taugliche Heroen sein, die einen gewissen Lebensstil zur Schau tragen, die wahren Lebenskonzepte spielen sich meist ohne großen Tamtam auf kleinstem Raum mit wenig Personal ab.

Friedrich Hahn stellt anhand seines Protagonisten „Einer“ einen Lebensraum auf kleinstem Raum vor, der durchaus geeignet ist, als Mini-Trophäe in einem Setzkasten ausgestellt zu werden. Einer hat keinen Vornamen und keine Kindheit, er ist in allen Dingen ein unbeschriebenes Blatt und deshalb bestens als Partner für Gisela geeignet. Gisela hat eher zu viel erlebt, eine missglückte Schwangerschaft beispielsweise, ungelenken Umgang mit Männern und einen am Konsum orientierten Zugang zur Kunst.

Benjamin Stein, Ein anderes Blau

h.schoenauer - 06.01.2016

Die Absichten der Literatur sind mannigfaltig, eine Besonderheit ist freilich, dass sie sich stets selbst analysiert und überprüft, ob die angestrebten Absichten auch erreicht werden. Die Literatur funktioniert dabei wie eine sich selbst reinigende Pfanne.

Benjamin Stein liegt viel daran, nicht nur eine ungewöhnliche Prosa zu erzählen sondern auch deren Entstehungs- und Wirkungsgeschichte. Die Lektüre von „Ein anderes Blau“ sollte man daher wie alle Bücher, die eines haben, mit dem Nachwort beginnen. Der Plan nach einem Erzählen der individuellen Wahrheit geht auf die Erfahrung in der DDR zurück, wo die Wahrnehmung und Wahrheit öffentlich genormt stattfindet.

Thomas Sautner, Die Älteste

h.schoenauer - 01.01.2016

Wenn wir der Literatur selbstverständlich Kräfte zuschreiben, die weit in unser logisches, biologisches und historisches Bewusstsein hineinwirken, dann dürfen wir auch in der Medizin ab und zu Kräfte ins Spiel bringen, die über das Zell-logische Verhalten unseres Körpers hinausgehen.

Thomas Sautner stellt in seinem Roman „Die Älteste“ eine Frau mit magischen Kräften vor, die zumindest den Anhängern der medizinischen Alltagskultur den Mund offen stehen macht. Die Ich-Erzählerin Sophie hat ein erfolgreiches, Termin-dichtes Leben hinter sich, als ihr die Diagnose ausgehändigt wird: Kopftumor. Als die üblichen Therapien keinen Erfolg zeitigen, geht Sophie einem Gerücht nach. Im Waldviertel soll in einem Wohnwagen eine seltsame Alte leben, die ungewöhnliche Heilmethoden anwendet.