Stefan Karch, Finja und der Riese
„Finja sitzt auf einer Schaukel. Sie hat ihre Augen geschlossen, die Beine weit von sich gestreckt und spürt, wie die Luft über ihr Gesicht streicht. Streichelluft. »Höher, noch höher, bis meine Zehenspitzen die Decke berühren!«, ruft sie. »Sachte, sachte mein Kind«, mahnt ihr Vater, der König. Wie jeden Abend vor dem Schlafengehen ist er auch diesmal in ihre Zimmer gekommen für eine Gutenachtumarmung mit Kuss auf die Stirn.“ (S. 7)
Finja Vater, der König, wacht überfürsorglich über das Leben seiner kleinen Tochter. Von ihrer Geburt an, bei der ihre Mutter verstarb, ist alles schiefgegangen. Von diesem Ereignis hat sich der König nicht mehr erholt und versucht alle Gefahren von seiner Tochter fernzuhalten. Beim Schlafengehen bringt er Finja zu Bett und sperrt anschließen aus Sorge die Tür ab.
Das Wort „plötzlich“ leitet in der Literatur oft einen Ausbruch ein. Kluge Leser wissen das und blättern im Roman oft von plötzlich zu plötzlich, damit ihnen ja kein Ausbruch als Vulkan, Seuche oder Lebensplanung entgeht.
„Ecki Eichhörnchen streckte die Nase aus seinem Kobel und blinzelte sechs Äste der alten, knorrigen Eiche hinauf. Dort saß Rudi Rotkehlchen auf dem Rand seines Nestes und trällerte in die Stille des Waldes hinein. »Guten Morgen Rudi«, rief Ecki dem Vogel zu, der ihm zuzwinkerte, aber sein Lied nicht unterbrach.“ (S. 7)
Zumindest in der Literatur, sagt man, kann es Austria mit Amerika aufnehmen. Und dann werden gleich wuchtige Beispiele von Kürnberger, Kafka, Roth und Handke genannt, worin von Europa aus ein kontinentales Weltbild von Amerika entwickelt worden ist.
„Moment mal. Wieso lag er auf dem Gesicht voran auf einer Wiese? Gelbe, blaue und rote Blüten leuchteten im Sonnenlicht, Insekten summten, graue Felsen erhoben sich hier und da aus dem Gras. Wo war er? Was war geschehen? Eben war er doch noch ganz wo anders gewesen! Da war sich Finn ganz sicher, obgleich er sich nicht erinnern konnte, wo genau … ein Keller …?“ (S. 5)
„Um der ganzen Welt zu beweisen, dass die Habsburger das »das edelste Blut im Himmel und auf Erden seien«, ließ Maximilian durch seine Genealogen umfangreiche Stammbaumforschungen durchführen. Auftragsgemäß führten diese die habsburgische Dynastie auf die Staufer, Ottonen und Karolinger, bis auf die Trojaner und – vom Kaiser später allerdings wieder verworfen – bis auf Noah zurück.“ (S. 11)
„Ich heiße Milo Monster. Ich bin ein berühmter Detektiv. Manchmal muss ich besonders rätselhafte Fälle lösen. Einmal hatte ich gerade eine verschwundene Schnecke wiedergefunden. Zur Belohnung machte ich ein paar Tage Urlaub. Ich legte mich im Garten in meine Hängematte und sonnte meine Stacheln. Der springende Schreck saß auch in der Hängematte. Er gehörte meinem besten Freund Junus und war sehr verfressen.“ (S. 11)
Im Idealfall beschreibt ein einziges Wort einen Kosmos voller Gefühle, Erinnerungen und Träume. In der Lyrik sind diese Zauberbegriffe oft in rätselhaften Gedichten versteckt, manchmal werden sie auf das Cover gespült und schalten dabei das Licht an für eine wundersame Imagination – Lunapark.
„An einem hellen Frühlingstag liefen Pauli und Nickel zum Bach. Da kamen ihnen eine alte Frau mit einer schweren Gießkanne entgegen. »Moment! Ich kann helfen«, rief Pauli und nahm den zweiten Griff der Kanne. »Wo willst du denn hin?« »Zu meinem Garten«, antwortete die alte Frau. »Der Brunnen ist ausgetrocknet. Deshalb hole ich das Wasser am Bach.« Pauli sah sich verwundert um. Wo war denn hier ein Garten?“
„Der blöde Kalender hatte sie hereingelegt! Sie mit seinem Geglitzer neugierig gemacht, ganz zappelig vor Neugier – und dann das. Sie hatte von Anfang an recht gehabt. Es war ein blöder, langweiliger Papierkalender. Dachten die, die solche Kalender machten, etwa, Kinder fänden so was gut? Bilder von rumpeligen Dachböden statt leckerer Schokolade? Julia presste das Fenster mit der Hand wieder zu.“ (S. 21)