Sarah Henning, The Blackgate Invitation – Drei tödliche Tage
„»Mädels, mein Name ist Marsyas Blackgate. Ich würde euch beide gern anheuern, damit ihr euch als meine Enkelinnen ausgebt, und zwar bei einer Abendgesellschaft auf Hegemony Manor ... Kennt ihr das? Es liegt gleich außerhalb von Wood Rose.« Wren fallen fast die Augen aus dem Kopf. »Das Hegemony Manor? Natürlich kennen wir das! Gotische Perfektion auf einem Hügel, mit Türmchen, Erkern und der ganzen morbiden Wednesday Addams-Stimmung. Unsere Mutter war ganz verrückt danach.«“ (S. 11)
Die beiden Schwestern Ruby und Wren Jourdain leben seit dem Unfalltod ihrer Mutter bei ihrem Vater und seiner neuen Frau in Colorado. Diesen Sommer arbeiten sie auf einem Falafel-Stand auf dem Grand County Renaissance Festival, um sich Geld für ihr Studium auf die Seite zu legen. Marsyas Blackgate, eine ältere Dame, tritt an ihren Stand und bietet den beiden Mädchen an, sie für eine Dinnerparty auf Hegemony Manor zu engagieren. Die beiden Geschwister haben, als sie bei ihrer Mutter gelebt haben, das außergewöhnliche Herrenhaus immer schon voller Neugier von außen bewundert. Ein weiterer Anreiz ist aber auch die Aussicht auf einen luxuriösen Abend, ein aufregendes Abenteuer und je zweitausend Dollar, die ihnen die alte Dame für ihre Begleitung zusagt.
„Durch die Eisblume am Fenster fiel schwach das Mondlicht auf Eliot, der warm eingemummelt unter seinem Federbett lag und tief schlief. Hilarius Winterbird strich ihm vorsichtig eine widerspenstige Haarsträhne aus dem schmalen Gesicht. Noch deutete nichts darauf hin, dass dieser Tag ihr Leben für immer verändern würde – seines und das von Eliot Holtby.“ (S. 11)
„a … wie anziehen: alles anziehen / langsam anziehen / warm anziehen / andere anziehen / super-cool allein anziehen / nix anziehen / elegant anziehen / falsch herum anziehen / bunt anziehen“
Sobald man das Mittelmaß von etwas zu ermitteln versucht, treten die Extreme und Extravaganzen unkündbar in den Vordergrund. Ein durchschnittliches Leben zu ermitteln, führt in der Literatur verlässlich zu einem Heldenepos, in dem sich die Protagonisten nicht gegen ihre wahrhaftige Bedeutung zur Wehr setzen können.
„Das ist Kalle. Doch Lola sagt Alle. Lola sagt auch Mama. Und Papa und Pipi, das ist ihr Pinguin. Und Nee. Nee sagt sie am liebsten. »Jetzt geht’s in Bett, Lolakind«, sagt Papa und hebt sie hoch in die Luft. »Nee«, ruft Lola. »Doch«, sagt Papa.“
„»Guck mal«, sagte Leo. Er zeigt zu Radio Meier rüber. Tim dreht sich um und sieht einen Mann. Er kommt gerade aus dem Geschäft von Herrn Meier gerannt. Unter seiner Jacke guckt ein Kabel hervor. Der Mann sieht sich rasch um und verschwindet in der Menge. »Der hat bestimmt etwas geklaut!«, vermutet Leo.“ (S. 10)
Was ist das wohl für ein seltsames Angebot, sich auf Niederlagen vorzubereiten, oder das Vorbereitete als Niederlage wahrzunehmen? Boško Tomašević stellt sein Thema ungeschminkt in die literarischen Schaufenster und Bibliotheksregale, wenn er auf den Grundton seiner Gedichte verweist, die er als 56 Gesänge komponiert hat. ‒ In seinen Langgedichten herrscht ein elegisch-existenzielles Regime, dem das Ich hoffnungslos ausgesetzt ist.
„Bei dem Spiel mit den zwei Wahrheiten und einer Lüge muss man ganz schön raffiniert sein. Der Trick ist, bizarre, unglaubwürdige Wahrheiten zu sammeln. Hier, ich nenne dir ein Beispiel. Eins: Ich werde an meinem nächsten Geburtstag zwölf, im September. Zwei: Mein zweiter Vorname ist Henry, obwohl ich ein Mädchen bin. Drei: Meine beste Freundin ist siebenundsiebzig Jahre älter als ich. Nummer eins ist die Lüge.“ (S. 7)
„Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, mit einem angenehmen Zuhause und von heiterem Gemüt, schien beinahe alles in sich zu vereinen, was das Leben einem Menschen an Gutem nur bieten kann; Fast einundzwanzig Jahre war sie nun schon auf dieser Welt und hatte in all der Zeit kaum je einmal Kummer oder Sorgen gekannt.“ (S. 7)
„Barry war der berühmteste Hund der Welt. Natürlich gab es auch andere berühmte Hunde. Zum Beispiel Lassie, der Filmstar aus Amerika. Über Barrys Körbchen hing ein gerahmtes Foto von ihr mit persönlichem Pfotenabdruck. Und dann war da noch Laika, die mutige Hündin aus Russland.“ (S. 11)