Stephan Eibel Erzberg, unter einem himmel
Die idealen Gedichte verklären den Alltag durch Aufklärung und können deshalb unauffällig und ungespreizt auftreten.
Stephan Eibel Erzberg ist der Meister dieser Alltagsgedichte, die mitten am Vormittag aufwachen und mit spielerischer Arglist nachfragen, was eigentlich los ist. In der Sammlung „unter einem himmel“ stellen sich diese Nach-Fragen im dramatischen Viererschritt Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Verschmitzt hat der Autor in einem Interview einmal geantwortet, er sei eben hellwacher Autor für jede Jahreszeit.
„Jedes Element hat seine Geschichte, wann und wo es entdeckt wurde, was es kann und wie wir es nutzen. Begeben wir uns auf eine faszinierende Reise durch das Periodensystem und besuchen wir jedes einzelne seiner Elemente.“ (7)
Als die scheinbar ewigste Stadt der Welt besteht Rom einerseits aus lauter Kleinodien triefend vor Geschichte, andererseits aus brutalster Schwarzweiß-Szenerie wie in einer vom Staat aufgegebenen mexikanischen Stadt.
„Wir kommen vom Planeten Zabalulu. Ich bin Zoro. Superklug. Das ist Bastu. Der ist SOO stark. Und das ist Schlopp. Flippt schnell aus und macht Wickelwackel-Tänze, aber wir lieben ihn.“
Bevor die Chose mit dem echten Leben losgeht, gibt es für die Helden meist noch einen Erlebnisrausch, worin Ort, Zeit und Ziel völlig egal sind.
„Der schwarze Ratz machte eine unmerkliche Bewegung mit dem Kopf, wobei seine langen Schneidezähne im Mondlicht matt glänzten. Es sah aus, als ob er grinste. »Ich bin Schwarzpelz – euer neuer Häuptling!«, sagte der Schwarze mit tiefer, heiser Stimme. Gelbzahn hatte begriffen.“ (17)
„Seit der Aufklärung vor rund zweihundertfünfzig Jahren blieb noch jedes Luther-Jubiläum hinter ihr zurück. Nicht nur wegen des geradezu hysterischen Teufelsglaubens, dem der gläubig-abergläubische Professor huldigte und der bei diesen Feiern wohlweislich beschwiegen worden sein dürfte, wie so manches andere, was das Loben und Feiern hätte stören können.“ (24)
„Das Vergangene ist Teil unseres Lebens. Unsere heutigen Gesellschaften wurden durch das Handeln unserer Vorfahren geprägt, das seinerseits einer Kette von Ereignissen entsprang, die in versunkene Vergangenheiten führen. Das Ziel von »Geschichte« ist es, das Vergangene zu ordnen und begreiflich zu machen.“ (10)
Seit die Menschen Tag und Nacht online sind, heißt die häufigste Formel der Begegnung: Können wir den Termin verschieben? Dahinter steckt die Ahnung, dass man die Zeit nur besiegen kann, wenn man sie verschiebt.
„Und in der Nacht, die nun anbrach, verirrte sich Henriette auf eine dieser gefährlichen Straßen. Als sie am nächsten Morgen aufwachte und sich erschrocken im Bett aufsetzte, wusste sie, dass etwas Schreckliches geschehen war. Etwas unvorstellbar Gemeines und Hinterhältiges. Ein Verbrechen. Jemand hatte ihren Traum gestohlen.“ (16)