„Bo Delafort war gerade zwölf geworden, als sie den Mond aus dem Schlamm der Themse zog. Sie hatte nicht nach ihm gesucht, und das war der entscheidende Punkt. Schätze findet man nicht, man wird von ihnen gefunden, wie die Flussleute gern sagten. Man braucht dafür nur ein offenes Herz.“ (S. 9)
Das arme zwölfjährige Londoner Mädchen Bo Delafort ist zwar ein Schulmädchen aber auch eine sogenannte Schlammschwalbe, wie Leute genannt wurden, die das Ufer der Themse nach brauchbaren und manchmal wertvollen Gegenständen absuchen. Eines Tages findet sie im Schlamm einen Miniaturvollmond, mit einem Rand aus dunkelroten Rubinen und einem kleinen Loch in der Mitte, der eine Vision bei ihr auslöst. Die Münze scheint magisch zu sein und Bo hat das Gefühl, als würde der Fluss selbst zu ihr sprechen und sie auffordern auch eine andere Münze zu suchen.
Vom anderen Flussufer aus beobachtet sie der Waisenjunge Billy River, der sie in ein Gespräch verwickelt. Ihre Begegnung hat einen magischen Moment, als würde der Fluss sie gemeinsam davontragen. Wieder zu Hause angekommen, muss sie sich von ihrem geliebten älteren Bruder Harry verabschieden, der im 1. Weltkrieg zum Militär eingezogen und nach Frankreich an die Somme geschickt wird.
Auf dem Heimweg wird Bo von einem unheimlichen Mann verfolgt, der ihr ein kleines Vermögen für die Mondmünze bietet. Als er gewalttätig zu werden droht, gelingt es ihr knapp mit der Münze die Flucht zu ergreifen. Bei dem Mann handelt es sich um Dr. Frederick Muncaster, einem Spezialisten für Alte Geschichte, beim dem zufällig Billy als Küchenjunge arbeitet. In Muncaster Hall, einer alten Villa im römischen Stil, gelingt es ihm ein Gespräch zwischen Muncaster und seiner Verlobte Avery Charbonnier zu belauschen.
Billy erfährt, dass Muncaster bei Bo eine silbernen Mondmünze, den „Dunklen Mond“ entdeckt hat, und dass es ein dazugehöriges Gegenstück gibt: die goldene Münze gibt, die „Hellste Sonne“. Beide sind vor langer Zeit verlorengegangenen und sollen nun dem Professor den früheren Reichtum der Familie zurückbringen. Die Münzen bergen aber auch noch ein anderes Geheimnis, das in alten Geschichten vermittelt wird. So soll der Fluss einen geliebten Menschen von den Toten zurückkehren lassen, wenn beide Münzen dem
Fluss geopfert werden.
Billy erfasst sofort, dass Bo sich in Gefahr befindet und beschließt, ihr zu helfen. Bo macht sich gemeinsam ihrer neuen Lehrerin, die sich ganz besonders für das aufgeweckte Mädchen interessiert, auf die Suche nach einer geheimnisvollen Ballade, mit deren Hilfe die Macht der Münzen aktiviert werden kann.
Jessie Burton gelingt mit ihrem Roman für Kinder eine außergewöhnliche fantastische Geschichte über Freundschaft und Mitgefühl, in dem die Auseinandersetzung mit Verlust und Tod auf einfühlsame und beeindruckende Weise umgesetzt wird. Die liebenswerten und stark gezeichneten Protagonisten und das atmosphärisch bedrückende Umfeld des beginnenden 1. Weltkrieges entführen die jungen Leserinnen und Leser in eine vergangene Zeit, voller Ängste und Sorgen.
Ein überaus lesenswerter und empfehlenswerter Roman für Kinder und Jugendliche, das seine Leser von Beginn an in seinen Bann zu ziehen vermag und durch zahlreiche überraschende Wendungen sowie ein außergewöhnliches Ende zu überzeugen weiß.
Jessie Burton, Die Jagd nach den magischen Münzen. Übers. v. Annette von der Weppen [Orig. Titel: Hidden Treasure], ab 10 Jahren
Hamburg: Carlsen Verlag 2026, 272 Seiten, 15,50 €, ISBN 978-3-551-55960-9
Weiterführende Links:
Carlsen Verlag: Jessie Burton, Die Jagd nach den magischen Münzen
Wikipedia: Jessie Burton
Andreas Markt-Huter, 20-04-2026