„Es war einmal ein kleiner Samthase, und am Anfang sah er wirklich toll aus. Er war dick und flauschig, wie so ein Hase sein soll. Sein Fell war braun-weiß getupft, er hatte einen richtigen Schnurrbart aus Garn, und seine Ohren waren mit rosa Seide gefüttert. Es sah zauberhaft aus, wie er da am Weihnachtsmorgen mit einem Stechpalmenzweig zwischen den Pfoten ganz oben im Strumpf des Jungen steckte.“ (S. 5)
Ein kleiner Junge hat unter seinen Geschenken auch einen kleinen, lieblichen Samthasen, der für kurze Zeit auch geliebt wird, bis die zahlreichen neuen Geschenke der Onkel und Tanten den Samthasen vergessen machen. Weggeräumt und vergessen fühlt sich der Hase selbst ganz unbedeutend und spielt selbst unter den anderen Spielsachen keine Rolle, die sich als wichtiger, teurer oder moderner aufspielen.
Während alle anderen Spielsachen hochnäsig auf den kleinen Samthasen herabblicken, verhält sich nur das alte Spielzeugpferd mit seinem löchrigen braunen Fell, nett und freundlich zu ihm. Das Pferd ist sich bewusst, dass sie nur Spielzeuge sind. Es erzählt, davon, dass ein Spielzeug, wenn es nur lange genug von einem Kind geliebt wird, „echt“ wird. Dies passiere aber meist erst dann, wenn die Spielsachen schon beim Zerfallen sind, weil es so lange dauere. Das Spielzeugpferd selbst sei vom Onkel des Jungen bereits vor vielen Jahren „echt“ gemacht worden.
Als der kleine Junge eines Abends beim Schlafengehen seinen geliebten Porzellanhund nicht finden kann, drückt ihm sein Kindermädchen den kleinen Samthasen zum Schlafengehen in die Hand. Von da an verbringt der kleine Hase viel Nächte im Bett des Jungen und auch an alle anderen Orte wird er mitgenommen und immer tiefer in das Herz des Jungen eingeschlossen.
Als seine Nana ihr den Samthasen zum Reinigen kurz wegnimmt, wehrt sich der Junge dagegen und will ihn zurückhaben:
„Er ist kein Spielzeug. Er ist ECHT!“ (S. 18)
Überglücklich glaubt sich der kleine Samthase endlich am Ziel seiner Wünsche angelangt, bis er eines Tages beim Spielen an einem nahegelegenen Wald auf zwei echte Hasen trifft, die sein Weltbild ins Wanken bringen.
Margery Williams Kinderbuchklassiker erzählt die bezaubernde Geschichte eines Plüschtieres, das geliebt werden will, sich auf die Suche nach seinem wahren Wesen begibt und was es bedeutet „echt“ zu sein. Je mehr es an Aussehen verliert und seine Farben verblassen, umso mehr gewinnt es an Bedeutung.
Ein überaus ergreifendes und liebenswertes Kinderbuch, das die Kraft der Liebe und emotionalen Bindung in den Mittelpunkt seiner Darstellung stellt und nach verschiedenen dramatischen Wendungen ein kindergerechtes Ende nimmt. Die schöne Sprache und die eindrucksvollen Illustrationen machen das Kinderbuch zu einem eindrucksvollen gemeinsamen Lesevergnügen für Jung und Alt.
Margery Williams, Der kleine Samthase. Ill. v. William Nicholson, übers. v. Cornelia Künne [Orig. Titel: The Velveteen Rabbit], ab 5 Jahre
Zürich: Atlantis Verlag 2026, 48 Seiten, 19,60 €, ISBN 978-3-7152-0935-7
Weiterführende Links:
Atlantis Verlag: Margery Williams, Der kleine Samthase
Wikipedia: Margery Williams
Wikipedia: William Nicholson
Andreas Markt-Huter, 10-06-2026