Jorge Luis Borges, Die unendliche Bibliothek

Andreas Markt-Huter - 03.11.2026

Jorge Luis Borges, Die unendliche Bibliothek„Manchmal glaube ich, dass gute Leser noch geheimnisvollere und seltenere Vögel sind als gute Autoren. Niemand wird mir bestreiten wollen, dass die Partien, die Valérie seinem Plusquamperfekt Edomont Teste zugeschrieben hat, ersichtlich weniger wert sind als die seiner Gattin und seiner Freunde. Lesen ist jedenfalls eine Tätigkeit, die dem Schreiben den Vortritt lässt: sie ist entsagender, höflicher, intellektueller.“ (S. 11)

Der Sammelband „Die unendliche Bibliothek“ versammelt sämtliche Erzählungen des großen argentinischen Schriftstellers und Mitbegründers der lateinamerikanischen Phantastik Jorge Luis Borges. In seinen Erzählungen vermengt Borges geschickt Historisches, Biographisches sowie echte Zitate mit Fiktionen und reinen Erfindungen und verwischt dabei die Grenzen zwischen Realität und Fantasie.

Aufgeteilt in sieben Kapiteln finden sich fantastische Erzählungen aus verschiedenen Entstehungszeiten. Die „Universalgeschichte der Niedertracht“ versammelt acht Kurzgeschichten in denen er Biographie historischer Verbrecher fiktional aufbereitet. Dabei wird das Leben von berühmten Figuren wie des Sklavenhändlers Lazarus Morell, der Seeräuberin Witwe Tsching, Billy the Kids oder des Hochstablers Tom Castro erzählt.

Der Abschnitt „Etcetera“ versammelt Kurzgeschichten, Fälschungen und Parabeln die umgeschrieben oder frei erfunden worden sind.

Im Kapitel „Fiktionen“ findet sich die Sammlung „Der Garten der Pfade“ die aus sieben Erzählungen, die in der Erzählung „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“ mündet, einer aufregend ironischen Spionagegeschichte, die von der Flucht des chinesischen Dozenten Dr. Yu Tsun, der während des Ersten Weltkriegs als deutscher Spion in England tätig war.

Das Kapitel „Das Aleph“ beinhaltet eine der bekanntesten Kurzgeschichten von Borges, in der der Ich-Erzähler um eine verstorbene unerwiderte Liebe trauert und dazu jedes Jahr in ihr ehemaliges Wohnhaus pilgert. Als das Haus eines Tages vom Abriss bedroht wird, erfährt er vom Cousin der Verstorbenen das Geheimnis seiner dichterischen Inspiration: ein Aleph, ein phantastischer Punkt in Raum, in dem alle Orte des Universums gleichzeitig und aus allen Blickwinkeln enthalten sind.

Das Kapitel „David Brodies Bericht“ beinhaltet realistische Erzählungen wie „Der Eindringling“, „Die Geschichte der Rosenda Juarez“, „Das Duell“ oder „Das Evangelium nach Markus“ die sich um die Themen Schicksal, Ehre oder Gewalt drehen. Lediglich die Erzählung „David Brodies Bericht“ stellt eine satirische Anspielung auf Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ dar.

Im Kapitel „Das Sandbuch“ finden sich dreizehn Kurzgeschichten die sich um die Motive Doppelgänger, Unendlichkeit, Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses und Labyrinthe drehen. Berühmt ist seine Erzählung „Das Sandbuch“, das von einem Buch ohne Anfang und Ende und ohne logische Reihenfolge erzählt und dessen einmal umgeblätterte Seiten verschwinden.

Das letzte Kapitel „Shakespeares Gedächtnis“ bietet vier fantastische Geschichten. In der Erzählung „25. August 1983 trifft ein Erzähler, der seinen Selbstmord plant, in einem Hotelzimmer auf sein gealtertes Alter Ego. In der Erzählung „Blaue Tiger“ spielen magische Steine und in „Die Rose des Paracelsus“ ein vermeintliches Wunder eine zentrale Rolle. In der Geschichte „Shakespeares Gedächtnis“ erhält ein Forscher das Gedächtnis Shakespeare geschenkt, das sich von einem anfänglichen Glück langsam zu einem Bedrücken und schließlich Entsetzen entwickelt.

In einem abschließenden Anhang finden sich Begriffe erläutert sowie biographische und historische Anmerkungen.

Borges ebenso unterhaltsamen wie spannenden und fantastischen Erzählungen lassen die Grenzen zwischen Realität und Fiktionen verschwimmen und entführen ihre Leserinnen und Leser in eine fantasie-durchwobene Welt, in der sich Geschichte, Mythen und Erfindung untrennbar vermengen. Ein wahres Lesevergnügen, das allen Leserinnen und Lesern wärmsten empfohlen werden kann.

Jorge Luis Borges, Die unendliche Bibliothek. Sämtliche Erzählungen, übersetzt von Gisbert Haefs, [der Sammelband enthält die Erzählbände Universalgeschichte der Niedertracht, Fiktionen, Das Aleph, David Brodies Bericht, Das Sandbuch und Shakespeares Gedächtnis]
Zürich: Kampa Verlag 2026, 672 Seiten, 43,20 €, ISBN 978-3-311-10180-2

 

Weiterführende Links:
Kampa Verlag: Jorge Luis Borges, Die unendliche Bibliothek
Wikipedia: Jorge Luis Borges
Wikipedia: Gisbert Haefs

 

Andreas Markt-Huter, 14-09-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Jorge Luis Borges
Buchtitel:
Die unendliche Bibliothek. Sämtliche Erzählungen
Erscheinungsort:
Zürich
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Kampa Verlag
Übersetzung:
Gisbert Haefs
Seitenzahl:
672
Preis in EUR:
43,20
ISBN:
978-3-311-10180-2
Lesealter:
Altersangabe Verlag:
o.A.
Zielgruppe:
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Jorge Luis Borges, geboren 1899 in Buenos Aires, gestorben 1986 in Genf, war ein argentinischer Schriftsteller und Bibliothekar und gehört zu den wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Er verfasste unzählige phantastische Erzählungen und Gedichte und gilt als Mitbegründer des Magischen Realismus. Für sein Werk erhielt er zahlreiche internationale Ehrungen.

Der deutsche Schriftsteller und Übersetzer Gisbert Haefs wurde in Wachtendonk geboren und studierte Anglistik und Hispanistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.