Juliane Adler / Martin Winter (Hg.), Brett voller Nägel.
Wenn dir beim Aufschlagen eines Buches alles fremd ist, lies es wie ein Lexikon!
Die chinesische Lyrik-Anthologie „Brett voller Nägel“ ist im ersten Anriss dermaßen fremd, dass nicht einmal der Tipp mit dem Lexikon weiterhilft. Aber das Herauslesen diverser Bausteine ergibt dann doch einen zweifachen Lesenutzen. Einmal erfährt man sehr viel über ein literarisches Feld, das für die meisten eine weiße Wüste im Hirn ist, und zum anderen läuft ständig die Frage mit, ja wie lesen wir eigentlich in Österreich eine Lyriksammlung?
Der eine kommt aus dem Nebel zurück und verkündet, er habe die Aussichtswarte verfehlt und daher nichts gesehen, der andere nimmt vor dem Bildschirm des Internisten Platz und kriegt eine Vorschau auf seine Krankengeschichte, irgendwo ganz hinten sitzt der Tod.
Meisterliche Gedichte lassen nicht spüren, dass hinter ihnen eine Theorie steckt. Dabei trifft die lyrische Erfahrung von Jahrhunderten auf die Bilder aus der Gegenwart, und niemand kann sich die Gedichte anders vorstellen, als dass sie eben in dieser Gestalt formuliert sind.
Gedichte sind wie Pflanzen, die einen Nährboden brauchen, auch wenn sie mit Luftwurzeln arbeiten. Diese Nähr-Substanz kann die vorgespielte Erfahrung eines Ichs sein, eine didaktische Zusammenfassung eines Erkenntnisprozesses oder auch das Verwerten ausgestreuter Literaturpartikel.
Hinter dem unscheinbaren Begriff „Datenpoesie“ tut sich eine literarische Revolution auf. Hier schreibt nicht mehr ein Autor Gedichte oder poetische Texte, sondern die Programme, einmal in Bewegung gesetzt, spulen ihr poetischen Akzente ab. Logischerweise dürfte diesem Unterfangen nicht ein lebender Leser in die Quere kommen, sondern ein kluger Leser müsste dieser Poesie sein eigenes Leseprogramm entgegenhalten, sodass sich zwei Künstliche Intelligenzen gegenseitig auslesen und in Schach halten könnten.
Was für ein aufregender Abgang! Es poltert ein wenig, eine Epoche geht zu Ende, langsam wird es dunkel, vielleicht beruhigt sich auch alles wieder.
Die österreichischen Literaturhäuser sind ja seinerzeit unter staatlicher Aufsicht eingerichtet worden, um die wilde Literatur zu zähmen, das Samisdat-Unwesen zu unterbinden und die Ideen der Dichter in Vitrinen-große Happen aufzuschnetzeln.
Manche Bücher nehmen die Aufgabe, einen haptischen Zusatzgenuss zu vermitteln, so ernst, dass sie beinahe in eine Skulptur ausarten. Solche Bücher kommen dann nicht mit der Post, sondern mit dem Sack-Roller auf den Schreibtisch. Man ist im ersten Durchgang vor allem mit dem Blättern und räumlichen Zuordnen des Textes im Raum beschäftigt, man fühlt sich eher unter einem Triumphbogen stehend, als vor einem Buch sitzend.
Magische Wörter zwingen dazu, die Eigen-Phantasie in Sekundenschnelle anzuregen und auszuleben. Das schöne „Winterrot“ ist voller Widerspruch, trifft doch die Kälte auf die Wärme. Der Raser wird an rotglühende Bremsscheiben denken, wenn er im Winter sein Fahrzeug gerade noch zum Stehen bringt, ein Poet wird von der untergehenden Sonne schwärmen, die gerade im Winter besonders erhitzt untergeht, und Outdoor-Freaks denken an rot angelaufene Nasen oder Wangen, wenn die Kälte ungebremst auf das Antlitz trifft.
Manche Ausdrücke lassen einen beim Dahinlesen kurz innehalten, da ist etwas Neues, da ist etwas, was es in dieser Form noch nie gegeben hat. „Technische Tiere“ ist so eine Begriffskombination, die einen zuerst einmal stutzen lässt, bis man eine erste Erklärung findet. Technische Tiere sind vielleicht besonders geschickte Tiere, die ihren Beruf ähnlich dem technischen Zeichner besonders sorgfältig ausüben. Oder sie sind eine besonders seltene Form von „Hohen Tieren“.