Lyrik

Cornelia Travnicek, Parablüh

h.schoenauer - 20.05.2019

cornelia travnicek, parablühBesonders schöne Kurven gelingen in der Mathematik immer, wenn man sie als Ableitungen ausführt. Zuerst wird die Wirklichkeit auf der ersten Ebene vermessen, daraus lassen sich dann diverse Ableitungen ziehen, die die besondere Wirklichkeit aus einer Wirklichkeit herausdestillieren.

Das poetische Projekt Parablüh ist eine sogenannte Ableitungslyrik. Cornelia Travnicek zieht aus einer bereits lyrisch gezogenen Konsequenz eine weitere. Über die Gedichte der Sylvia Plath werden dabei Monologe gespannt. Sylvia Plath (1932-1963) gilt nicht zuletzt wegen ihres Suizids als Ikone für eine Literatur, die zu Lebzeiten nicht verstanden werden kann. Umso heftiger setzen sich mittlerweile ganze Generationen mit ihr auseinander, um sich mit ihr zu solidarisieren und ihr ein posthumes Farewell zu setzen.

Maarten Inghels / F. Starik, Das Einsame Begräbnis

h.schoenauer - 03.04.2019

inghels und Starik, das einsame begräbnisWo das Reden aufhört beginnt die Literatur. Deshalb ist der Friedhof die ideale Streusiedlung für Dichtung.

Was ursprünglich als soziales Projekt begonnen hat, ist in den letzten fünfzehn Jahren eine eigene Kulturform geworden. In der Anonymität großer Städte sterben immer wieder Menschen ohne Angehörige und Bekannte. Oft bleiben sie in einer Wohnung über und werden erst nach einiger Zeit tot entdeckt, oft haben sie sich auch wie Elefanten zum Sterben an den Rand der Gesellschaft zurückgezogen, oft erwischt sie auch der Tod aus heiterem Himmel und der Spontantod sprengt alle Zeremonien.

Michael Stavaric, in an schwoazzn kittl gwicklt

h.schoenauer - 11.03.2019

Michael stavaric, in an schwoazzn kittl gwickltWer eine Sprache lernt, obwohl er angeblich schon eine hat, kann bereits den Lernvorgang beschreiben. Bei der Erstsprache hingegen muss man alles nehmen, wie es kommt.

Michael Stavaric hat an der deutschen Sprache immer die Dialektform interessiert, nach dem Motto: So etwas will ich auch haben! Dabei hat er sich in der ersten Phase mit Dialekten auseinandergesetzt, die oft nur Klang und schräge Bedeutung gehabt haben. Quellen für diese teils schriftlichen Auseinandersetzungen mit dem Dialekt sind naturgemäß H.C. Artmann und Helmut Qualtinger.

Rudolf Kraus, alpha[ge]bet

h.schoenauer - 27.02.2019

rudolf kraus, alphagebetIn der Beschwörungsformel „alpha[ge]bet lassen sich wie bei einem innig verschmolzenen Bimetall die Wesenszüge Alphabet und beten herauslesen. Diese Formel weist auf den fast religiösen Zusammenhang zwischen der Existenz der Dinge und seiner Benennung hin.

Rudolf Kraus ist Bibliothekar und hat dadurch wie alle Angehörigen dieser Berufsgruppe einen Haltegriff, der seit Jahrhunderten unverändert ist, das Alphabet. Oft werden Bibliothekare allein deshalb für ihren Beruf beneidet, weil sie eine Ordnung haben, die unverrückbar ist, denn es sind immer die Bücher, die verrückt werden müssen für das Alphabet, nie das Alphabet selbst.

Elias Schneitter, Wie geht’s

h.schoenauer - 06.02.2019

elias schneitter, wie gehtsUm den Blick bis an den Rand des Ereignisses hinauszukriegen, muss der Betrachter vor allem gelenkige Augen haben. Denn wer immer nur starr auf das Zentrum und den Mainstream starrt, bekommt vom Rand nichts mit.

Elias Schneitter gilt als Vertreter der europäischen Beatniks, wie sich jene Generation nennt, die meist in den 1950er Jahren geboren ist und die Welt von klein auf in Randlage erlebt hat. In seiner aktuellen Sammlung stellt er diese typischen Fragen, die beiläufig an der Peripherie gestellt werden und zwischendurch eine Lawine von erschütternden Begebenheiten auslösen können. Wie geht‘s ist eine Frage, die meist gut ausgeht, wenn sie cool an der Oberfläche gehalten wird, aber wehe, man nimmt die Frage wörtlich.

Robert Kleindienst, Brandseelaute

h.schoenauer - 25.01.2019

robert kleindienst, brandseelauteEinwortgedichte sind nach wie vor die beste Methode, einen Gedichtband unverwechselbar zu überschreiben.

Robert Kleindienst verrät mit seiner Lyrik-Formel „Brandseelaute“ schon ein wenig von seinem Konzept, das Weite wird durch spitze Wörter angestochen und wie ein aufgeschlagenes Ei in semantischen Dotter und Eiweiß zerlegt. Brandseelaute sind vielleicht Geräusche aus einem Meer jenseits der Brandung, sie können aber auch aus einer Laute stammen, die auf hoher See abgebrannt ist.

Norbert C. Kaser, mein haßgeliebtes bruneck

h.schoenauer - 23.01.2019

norbert kaser, mein haßgeliebtes bruneckUm wirklich unsterblich zu werden, musst du zu einem Mythos mutieren. - Die Zeitgenossen eines Mythos sitzen Jahr für Jahr fassungsloser vor diesem Satz und rechnen ihr armseliges Leben mit siebzig gegen den aufregenden Mythos eines Helden auf, der schon beinahe ein halbes Jahrhundert tot ist.

norbert c. kaser hat sich genial in jenen Mythos hineingeschrieben, den seine Zeitgenossen von ihm verlangt haben. Er hat offensichtlich so genau die Südtiroler Seele getroffen, dass diese ihm zwar zu Lebzeiten nichts, anschließend aber alles an Anerkennung verpasst hat. Preise, Schulen, Vorlässe, alles, was die Romantik heroischen Helden zu bieten hat, ist für norbert c. kaser aufgeboten worden. Gerüchtehalber soll sogar der Haymon-Verlag als Vater aller Nachlässe nach dem toten Hund Kasers (Haymo) benannt sein.

Barbara Tilg, Den Silberfaden spinnen

h.schoenauer - 07.01.2019

Barbara tilg, den silberfaden spinnenBeeindruckende Bücher lassen der Leserschaft gar keine Zeit, über die Entstehungsgeschichte des Textes nachzudenken, sie sind einfach wichtig und da.

Barbara Tilg setzt dem poetisch-optimistischen Titel „Den Silberfaden spinnen“ eine beinharte Lebenswidmung entgegen. „Ich habe dieses Buch ist für alle geschrieben die krank waren oder sind. Ich möchte ihnen Mut machen, dass man wieder aufstehen und den Silberfaden des Lebens neu finden kann.“ (5) Durch diese Präambel kriegen die aufgegriffenen Themen, Bilder und Geschichten wie von selbst jenen stabilen Tiefgang, den es braucht, wenn man schon einmal einen Blick nach „enten“ geworfen hat, wie das im Volksmund so schön heißt.

Semir Insayif, über zeugungen

h.schoenauer - 05.12.2018

semir insayif_überzeugungenDiese elementaren Wörter Zeugnis, Zeuge oder Zeugung sind immer ganz nah dran an der Erschaffung der Lebewesen und ihrer Wahrheiten. Der spontane Eindruck von „über zeugungen“ deutet auf jemanden hin, der sich bei der Zeugung übernommen hat, und das macht natürlich neugierig auf die Gedichte.

Semir Insayif hat seine gut sechzig Gedichte auf drei Bottiche aufgeteilt: über zeug und gänge (7) / die geometrie des himmels ist unerhört (27) / echos resonanzen 43).

Regina Hilber, Überschreibungen

h.schoenauer - 21.11.2018

regina hilber, überschreibungenÜberschreibungen sind einerseits wohldurchdachte Kompositionsstrategien beim Nachschärfen von Texten, andererseits löst die Literatur im Leser oft Überschreibungen aus, wenn ein bereits bekanntes Bild oder Muster mit einer neuen Software überschrieben wird.

Regina Hilber nimmt die berühmten Stilübungen von Raymond Quenceau zum Anlass, um das alphabetischen Nest zwischen Wald und Wien mit Überschreibungen auszukleiden.