Tomer Gardi, Broken German
Ein richtig wilder Roman kann mit einem einzigen Kapitel die pädagogisch wertvolle Sprach-Ausbildung einer ganzen Generation zunichtemachen. Wer einmal entgleistes Deutsch jenseits aller Grammatik-Hecken und Deklinations-Gebüsche erleben will, muss sich auf Broken German einlassen.
Tomer Gardi scheißt sich nichts, was der Erzähler sagen muss, sagt er mit Händen und Füssen und einer Sprache, die nur fallweise als Deutsch zu erkennen ist. So in etwa dürfte eines Tages gesprochen werden, wenn Europa durchmigriert ist. Am ehesten passt noch der Ausdruck Pidgin-German für diesen grob mit der Kreissäge aus dem Erzähl-Holz geschnittenen Scheiterhaufen des schönen Sprechens.
„Wenn es dunkel wird, muss sich Hase ganz allein auf den Heimweg machen. Davor hat er schreckliche Angst. Er nimmt allen Mut zusammen und rennt so schnell er kann durch den Wald.“
Es ist eine geheime Anordnung im Umlauf, wonach sich Lyrik immer auch um die aktuellen Umgangsformen in punkto Sprachstil und Themenfindung zu kümmern hat.
„Liebe Lehrer*, viele Schüler tun sich schwer, selbst kurze und vermeintlich leicht verständliche Sach- und Fachtexte richtig zu lesen. Das stellt die Fachlehrer immer wieder vor Probleme, da Inhalte zumeist über Sachtexte vermittelt werden. […] Dieses Buch möchte Sie bei Ihrem Anliegen unterstützen, das Textverständnis und damit die sprachlichen Kompetenzen ihrer Schüler weiterzuentwickeln.“ (6)
„In drei Wochen wird Noemi Vidal sterben – genau hier, an diesem Ort. Heute ist es nur eine Übung. Noemi würde gerne beten wie die anderen Soldaten ringsum. Das sanfte An- und Abschwellen ihrer flüsternden Stimmen klingt wie der Wellenschlag am Strand.“ (7)
Eine Katze ist nach wie vor das ideale Haustier, weil sich eine Profi-Katze nur sehen lässt, wenn seine Besitzer es wollen.
„Endlich konnte Finn etwas erkennen. Sein Blick flog zu der Stelle, wo er den riesenhaften Schatten auf vier Beinen zuletzt gesehen hatte. Das Blut gefror ihm in den Adern. Im kahlen Gebüsch vor ihm stand er: ein Löwe!“ (S. 85)
Keine literarische Form ist letztlich so offen und unbegrenzbar wie die Biographie, weil offensichtlich ein Lebenslauf größer ist als jede literarische Form.
„Der Mumpf erwachte, weil ihn die Sonne auf der Nase kitzelte. Die Sonne! Wenn die Sonne durch das Fenster schien, selbst wenn auf den Scheiben noch Eisblumen glitzerten, bedeutete das, dass der Frühling da war.“ (9)
Bei Kräutern denkt man sofort an etwas Wertvolles, Wahrhaftiges und Wohltuendes, und trotz der Üppigkeit, mit der sie einem entgegentreten, muss man ihnen schon beim ersten Anblick maßvoll begegnen. Das Maß der Kräuter sind Drei-Finger-voll, eine Handvoll und ein Bund Kräuter.