Martin Kolozs, Zur höheren Ehre
Manchmal sind es kleine Überlegungen, die eine große literaturhistorische Idee auf die Beine bringen. Lässt sich etwa die Tiroler Literatur dadurch beschreiben, dass in ihr immer wieder schizophrene Zwillinge als Priester und Dichter auftreten? Stark wäre diese Theorie, weil es ja eine gegenteilige Faustregel gibt: Die Religion verdunkelt, die Literatur erhellt!
Martin Kolozs stellt vier sogenannte Priesterdichter probehalber hintereinander und macht eine Gedankenkette heraus. Reimmichl, Bruder Willram, Josef Weingartner und Reinhold Stecher liefern fallweise verblüffende Zusammenhänge, bis auf Stecher sind sie alle Osttiroler, die Lesen und Schreiben als Religion gelernt haben, alle zweifeln in ihren Schriften zwischendurch an ihrer Begabung, halten aber dennoch in Religion und Schrift durch, Reimmichl und Reinhold Stecher sind zudem ungebrochene Best- und Longseller in Tirol, sie liefern offensichtlich eine Welt, die das lesende Tiroler Publikum sucht und durch Kauf belohnt.
„April – Die Vögel bauen ihre Nester und beginnen zu brüten. Auch die Zugvögel sind jetzt alle wieder da. Schmetterlinge und Bienen erwachen und der Löwenzahn blüht.“
„Bosch hatte recht gehabt: Prinzessin Tyra war das bezauberndste Mädchen, das er je gesehen hatte. Nels erhob sich unwillkürlich, als hätte ihre Gegenwart ihn verhext und dazu gezwungen.“ (48)
In der Konsumgesellschaft gibt es ein großes Tabu, nämlich das Ende der Dinge und Dienstleistungen zu denken.
„Da hören sie, wie der Eseltreiber zu erzählen beginnt. »Martin war eine Zeit lang mein bester Spielfreund. Sein Geburtstag war am 10. November 1483; einen Tag später wurde er getauft. Da machte man es sich einfach: Der 11. November ist ja der Namenstag von Sankt Martin …«“ (13)
Die Gegenwartsliteratur besteht ja immer auch aus einem Segment voller Werbung. Zyniker sagen, in der Konsumgesellschaft wird gar nichts anderes erwartet, als dass ein Produkt ohne Inhalt für sich wirbt. Die abgedroschenste Form, Literatur zu lancieren, besteht daher momentan darin, dass man überall Krimi draufschreibt.
„Endlich Ferien, juchuh! Die Post ist zu und Briefträger Maus fährt mit seiner Familie in den Urlaub. Ein nimmt einige Pakete zum Ausliefern mit, ein Briefträger hat nie so richtig frei!“
„Mit dem vorliegenden Werk sollen Glaubwürdigkeit und Geltungsansprüche des theistischen Welt- und Gottesbildes – paradigmatisch in seiner christlichen Variante – unter Berücksichtigung natur- und geisteswissenschaftlicher Aspekte hinterfragt werden.“ (7)
„In der Urzeit war an der Stelle, wo später die Welt entstehen sollte, nur ein riesig gähnender Abgrund, die Urschlucht. Es gab weder Himmel noch Erde. Alles war leer und tot. Nirgendwo war Leben.“ (9)
In der archaischen Überlebensliteratur ist nie ein Satz zu viel vorhanden, deshalb kann man auch jeden Satz als Lebensprogramm anerkennen.