Waltraud Seidlhofer, Langsame Figuren
Es gibt in der österreichischen Poesie eine konsequente Richtung, die politisch-poetische Vorgänge eines kleinen Landes mit der Ästhetik von Unbestechlichkeit verbindet.
Lose verknüpft sind die Protagonisten dieser Schreib-Haltung am ehesten durch den Heimrad-Bäcker-Preis, dessen Namensstifter seinerzeit eine minimalistische Poesie politischer Sachlichkeit mit der „edition neue texte“ ins Leben gerufen hat.
„Bist du nicht gescheit, doch klug? Liebst du den Gedankenflug? Kritzelst du mit linker Hand gern auf kritzelfreie Wand? Bist du gern nicht ganz bei Trost? Sagst du gern zum Müsli »Prost«? […] Dann, ja dann, Gedankenstrich – Dann ist das ein Buch für Dich!“
Alles Helle auf der Vorderseite hat meist etwas Dunkles auf der Hinterseite. Wer mit dem Finger durch die Speisekarte der Wildwochen fährt, muss wissen, dass zumindest in Österreich allerhand Blut und Dreck auf der Rückseite der Speisekarte steht.
„Vor lauter Lachen und Spielen merken die Freunde gar nicht, wie der Tag vergeht, und plötzlich ist es stockdunkel. Schnell leiht sich Filippo von Tinchen eine Laterne und hopst durch den Wald zu seinem Teich.“
Die Geschichte ist nicht nur ein Ablauf von Ereignissen, die hintereinander gelesen eine Story ergeben, Geschichte ist vor allem ein zerrissenes Gebilde, das sich nur schwer zu einer Collage zusammenkleben lässt.
„In diesem wunderlichen Tal in ferner Zukunft reicht häufig ein kleiner Anlass, um etwas ganz Großes in Gang zu setzen. Dass allerdings der Wunsch nach warmen Füßen in einen handfesten Kampf um die Weltherrschaft ausarten könnte …“ (11)
Einen Roman, der ständig explodiert, sich selbst erklärt, den Leser zum Mitarbeiten einlädt und überall auf der Welt synchron spielen kann, nennt man Metafiktion. Das ist immer als ein Kompliment aufzufassen, dass es sich um keinen Krimi handelt.
„Bei Luthers erstem Auftritt vor dem Wormser Reichstag soll der junge Kaiser spontan geäußert haben: »Der wird mich nie zum Ketzer machen!« Luther hatte keinen großen Eindruck hinterlassen, wirkte eher unsicher, linkisch.“ (7)
Das Konsequente an der Geschichte ist, dass sie als gigantischer DNA-Faden durch die Jahrhunderte zieht und nie aufhört. Alles, was in der sogenannten Gegenwart passiert, hat eine mehr oder weniger historio-genetische Verbindung zur Vergangenheit.
„Schrauben und Nägel revolutionierten das Bauwesen: Mit ihnen ließen sich Bretter ohne kunstvoll zurechtgesägte Zapfen verbinden. Ihre Erfolgsgeschichte begann vor 9000 Jahren. (28)