Jurij Wynnytschuk, Im Schatten der Mohnblüte
Städte historischer Verdichtung sind immer auch mit Gewalt konfrontiert. Die ukrainische Stadt Lviv ist im letzten Jahrhundert stets auch ein Ort brachialer Vernichtung gewesen, so dass man Übersetzungen aus dieser Stadt gerne etwas abmildert. Aus dem „Tango des Todes“ ist im Deutschen jetzt das Proust-sachte „Im Schatten der Mohnblüte“ geworden.
Jurij Wynnytschuk schreibt die Geschichte Lvivs durch die letzten achtzig Jahre auf. Eine Achse läuft in den Kapitelüberschriften die Buchstaben A-Z entlang und erzählt von den Ereignissen während des zweiten Weltkriegs, als die Stadt mehrmals den Wechsel der Besatzer aushalten muss. Eine zweite Achse ist nummerisch von 1-31 aufgefädelt und zeigt einen Forscher aus der Gegenwart, der aus der Zeit aussteigt und sich dem Phänomen verschollener Todes-Melodien kümmert.
„Cale war ein Drache zugeteilt worden, der nicht fliegen konnte, der über seine eigenen Füße stolperte, der nicht gehorchte und sich von allem und jedem ablenken ließ. Wie sollte Cale es da nur schaffen, Mondrago bis zu seiner Burg zu bringen?“ (27)
Nur selten gelingt es einem Helden, das abgehangene Spätlebensalter als geerdetes Kind auf einem Traktor zu verbringen und dabei die Leser zu verzücken.
„Als Ede nach Hause kommt, sitzen seine Geschwister schon in der Küche. Auf dem Küchentisch liegt die Schatzkarte. Sie überlegen gemeinsam: Was mag das wohl für ein Schatz sein? Vielleicht ein Koffer voll mit Regenwürmern? Es könnte auch ein Wortschatz sein.“ (11)
Die Welt ist alles, was der Fallwind ist, sagt ein kauziger Typ über die Alpen, deren Haupt-Merkmal vielleicht der Föhn ist. Und egal wo Nord- oder Südtirol tagsüber politisch hin driften, nächtens fließt der Föhn und kratzt die Bewohner auf und bringt sie in Wallung.
„Ein ausgewachsener afrikanischer Elefant wiegt circa 4 bis 5 Tonnen. Das ist in etwa das Gewicht dessen, was ein anderes Tier an einem einzigen Tag in sich hineinschlingt.“ (10)
Bei der Schmelze verändert sich der Stoff und geht vom festen in den flüssigen Aggregatszustand über. Auch in der Poesie gibt es so etwas wie Schmelze, wenn sich ein Stoff während des Erzählens verändert und als Prosa-Lava über die Seiten fließt.
„Trotzdem – alles in mir, jede Faser meines Körpers fiebert nach Freiheit. Ich will ausbrechen, nicht nur aus dieser Zelle, sondern auch aus dem Gefängnis, das die Stadt da draußen ist. Ich will mit eigenen Augen sehen, was hinter dem Zaun ist.“ (11)
So wie man eine Reise antritt, so wird sie auch ausfallen. Am aufmerksamsten reist, wer eine Reise nur einmal machen möchte.
„In der Pause auf dem Schulhof sprachen die Meeresbewohner und Schüler über Hans und seine Migräne. Ja, es geschehe ihnen recht, diesen grausigen, grässlichen Muränen. Quentin gefiel das überhaupt nicht. Krank zu sein wünscht man schließlich niemandem.“