Gertraud Klemm, Aberland
Je bürgerlicher und biedermeierlicher die Regeln sind, umso lautloser fällt das Aufbegehren gegen die Konvention aus. Der Widerstand spielt sich nur im Hinterkopf im Aberland ab, wo ab und zu zynische Formulierungen entstehen.
In Gertraud Klemms Roman „Aberland“ versuchen Mutter und Tochter in ihren Jahrgangskapseln eingeschlossen mit dem Gesellschaftsstrom mit zu schwimmen, ohne anzuecken und das eigene Wohlbefinden zu gefährden. Heldinnen dieses Abwehrkampfes in einem trivialen Leben sind Elisabeth, 58, aus ihrer Sicht wird in den geraden Kapiteln erzählt, und ihre Tochter Franziska, 35, ihr gehören die ungeraden Auftritte.
„Ich kann noch andere Geräusche hören außer dem grün duftenden Wind und dem Sirren unserer Fahrradreifen: Stimmen, die aus einer fremden Welt in meine vordringen, Füße, die über einen glänzenden Boden eilen und das Keuchen und Pumpen eines Beatmungsgeräts. Ich will nicht zurück. Ich weigere mich, diesen Moment zu verlassen.“ (31)
Lyrik muss sich fallweise eine eigene Bahn durch morastiges Gelände bahnen, dabei besteht ihre Widerstandskraft darin, dass sie sich mitten durch den Alltag eine tragfähige Spur bahnt, ähnlich einem Schneeflug, der alles für die Fahrt am Morgen freihält.
„Ich könnte dir helfen. Vielleicht finden wir heraus, wann genau der Vesuv explodieren wird“, sagte er. „Vulkane explodieren nicht, sie brechen aus, Carlo“, antwortete Rosa. „Habe ich dir denn gar nichts beibringen können?“ „Aber das ist doch so etwas wie eine Explosion“, beharrte Carlo. „Also, nimmst du mich mit? Bitte, Mama!“ (11)
Mit dem berühmten starken Anfangssatz brennt sich ein Roman unauslöschlich in das Gedächtnis der Leserschaft. „Jeden Sonntagmorgen, seit 1998, wachte Samuel Bly alleine auf und masturbierte.“ (9)
„Eines Tages erfuhren wir von Opa, wie er zum zweiten Mal in seinem Leben geheiratet hatte. »Es war eine unglaubliche Geschiche, wenn ihr sie hören wollt, passt gut auf!« Dann fing Opa an zu erzählen …“
Das Glück ist einerseits durch einfache Bilder ausgeflaggt und zwingt andererseits den Glücksuchenden zu unendlich ausufernden Schleifen, und zu allem Überdruss ist das Ende offen.
„»Du musst lernen, sie zu ignorieren«, hatte sein Vater gesagt. »Wie kann ich sie ignorieren, wenn sie mich gegen Wände schubsen?«, hatte Sam geantwortet. »Ich meine die Geister, Sohn. Du musst lernen, durch sie hindurchzuschauen. Versuch niemanden wissen zu lassen, dass du sie sehen kannst.«“ (28)
Während die große Literatur wie massive Brückenpfeiler in das wilde Wasser der Gegenwart gerammt ist, sind die Miniaturen am ehesten mit dem Fugenkitt rund um wasserdichte Erlebnis-Elemente zu vergleichen.
„Kaum war sie außer Sichtweite, da riss Kalle sein Notizbuch so heftig aus der Tasche, dass ich zusammenzuckte. „Eh, Mann eh! Was ist denn jetzt schon wieder?“ „Hast du nicht gesehen?“, rief er und fuchtelte aufgeregt mit der Hand herum. „Die Aktentasche ist weg!“ (19)