„Hier ist zwar alles fremd, aber offenbar habe ich mich in diesen anderthalb Monaten eingelebt. So schön nach dem Nebel! Zu Hause. Der Fels und das Meer im goldenen Rahmen. Die Bücher im Schrank. Nur ist der Sofabezug so kratzig, wie man sich auch hinlegt, das Kissen hart, so hart ... Aufstehen geht aber auch nicht. Diese Trägheit! Die Hand heben ist schon zu viel. Seit einer halben Stunde sage ich mir, ich sollte den Arm ausstrecken, das Aspirinpulver vom Stuhl nehmen, strecke ihn aber nicht aus ...“ (S. 12)
Der Sammelband umfasst drei Erzählungen aus dem Zeitraum zwischen 1922 und 1925 sowie Bulgakows wichtigstes und bekanntestes Werk den Roman „Der Meister und Margarita“ der heute als Klassiker der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt. In diesem setzt er sich auf satirische Weise mit der Bürokratie und dem Überwachungsstaat der Sowjetunion auseinander.
Die Erzählung „Notizen auf Manschette“ trägt autobiographische Züge und gibt seine Erfahrungen während der Russischen Revolution wieder. Gezeigt wird, wie ein junger Schriftsteller in einer Zeit großer gesellschaftlicher und politischer Umbrüche versucht seiner Arbeit nachzugehen und sich eine Existenz als Autor aufzubauen. Dabei erlebt er die Folgen des Bürgerkriegs und die Menschen, die sich an die neuen Verhältnisse anpassen müssen.
Die zweite Erzählung „Die verhängnisvollen Eier“ setzt sich auf satirische Weise mit dem blinden Fortschrittsglauben und der unkontrollierten Staatsmacht auseinander. Ein Zoologie Professor entdeckt zufällig einen außergewöhnlichen Lichtstrahl, mit dem es ihm gelingt, das Wachstum und die Vermehrung von Tieren zu beschleunigen. Als durch eine Hühnerseuche ein Großteil der Hühner zugrunde geht, wird seine Erfindung ungeprüft verwendet, um die Tierbestände schnell wieder aufzubauen. Dabei kommt es zu einer folgenschweren Katastrophe.
Auch in der dritten Erzählung „Das Hundeherz“ spielt ein medizinisches Experiment eine zentrale Rolle. Ein streunender Hund wird von einem Professor aufgenommen und einem Experiment unterzogen, bei dem ihm menschliche Organe eingepflanzt werden. Der Hund überlebt den Eingriff und beginnt sich nach und nach in einen Menschen zu verwandeln, wobei immer stärker die schlechten Eigenschaften des Organspenders zum Vorschein kommen.
Im Mittelpunkt von Bulgakows Meisterwerk, der Roman „Der Meister und Margarita“, stehen ein Schriftsteller, der nur als „der Meister“ bezeichnet wird, seine Geliebte Margarita und der Teufel mit seinen Begleitern. Zu einer Unterhaltung des Schriftsteller Berlioz mit dem Redakteur Iwan Besdomny über die historische Existenz der Person Jesu gesellt sich ein mysteriöser Professor Woland mit seinem merkwürdigen Gefolge dazu, der erklärt, dass Jesus tatsächlich gelebt hat. Dabei erzählt er wie, Jeschua von Pontius Pilatus zum Tode verurteilt wird. Berlioz stirbt kurz darauf und Besdomny wird in die Psychiatrie eingeliefert, weil ihm niemand glauben will, den Teufel gesehen zu haben.
In der Psychiatrie trifft „der Meister“ auf Berlioz und erzählt ihm von seinem erfolglosen Roman über Pontius Pilatus und seiner Geliebten Margarita. Diese ist bereit alles zu unternehmen, um ihren geliebten „Meister“ wiederzubekommen und geht einen Pakt mit Woland, dem Teufel ein.
Michail Bulgakows Erzählungen und seinem Roman gelingt es immer noch seine Leserinnen und Leser zu fesseln. Seine satirische Kritik an autoritären politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen haben nichts an Ausdrucksstärke verloren.
Eine überaus empfehlenswerte Sammlung von Werken des großen russischen Dichters, der mit scharfer Beobachtungsgabe und viel Humor die willkürlichen obrigkeitlichen Zustände der Sowjetunion beschreibt und kritisiert.
Michail Bulgakow, Gesammelte Werke. Aus d. Reihe: Anaconda Gesammelte Werke Band 52, übers. v. Alexandra Berlina [Orig. Titel: собрание сочинений], ab 16 Jahren
München: Ancaconda Verlag 2026, 800 Seiten, 15,50 €, ISBN 978-3-7306-1558-4
Weiterführende Links:
Anaconda Verlag: Michail Bulgakow, Gesammelte Werke
Wikipedia: Michail Bulgakov
Homepage: Alexandra Berlina
Andreas Markt-Huter, 13-08-2026