Anna Kim, Die große Heimkehr
Historische Romane benützen oft nur minimale Erzähl-Stäbchen, um den Leser sauber mit dem fetten Stoff in Verbindung zu bringen und eine generelle Verdauung auszulösen.
Anna Kim wählt eine Erzählerin, die im Europa der Gegenwart adoptiert und verortet ist und erstmals nach Korea fährt, von wo aus sie als Kind fortgetragen worden ist. Die Erzählerin der Gegenwart trifft auf den alten Yunhoo, der in die 1950er und 1960er Jahre zurückblendet, wo sich das Wesen Koreas maßgeblich verändert hat. Wir europäischen Leser sind zwar täglich auf der Straße und im Netz mit südkoreanischer Hardware unterwegs, wissen von den Bewohnern aber nur, dass sie ein anstrengendes Bildungssystem haben, das gerne im Suizid endet.
„»Eine schöne Geschichte«, sagt Flecki einmal in diesem Buch. »Aber ist sie auch wahr?« Und der weise Kater Bruno sagt: »Das ist doch egal, sie könnte jedenfalls wahr sein.« So ist das mit Geschichten.“ (7)
Viel wird ja gerätselt und gemunkelt über die atmosphärisch verschiedenartige Anwendung der Sprache in Deutschland und Österreich. Die kleine Fügung „oder so“ ist so ein Partikel, womit sich verschiedene Anwendung zeigen lässt.
„Zoodirektor Alfred Ungestüm hält seine Nase in die Frühlingsbrise und schnuppert. Es müffelt im Zoo. Weit und breit ist kein Besucher zu sehen, und das, obwohl der Himmel blitzblau und die Sonne blank geputzt ist. Auch die Zoobewohner verstecken sich in ihren Gehegen. Irgendetwas stimmt doch nicht …“
Die Liebe kann neben allerhand Störungen oder Zauberkräften auch eine satte Identitätskrise auslösen.
Wenn man im Netz die einsamen Gegenden nördlich des Polarkreises durchstreift, trifft man unter der Adelsbezeichnung „Persönlichkeiten“ auf Eishockeyspieler, Biathleten, Schispringer und Rodler. Umso erstaunlicher ist also die kulturelle Vorgabe, dass man in Südtirol durch Rodeln eine Persönlichkeit werden kann.
„»Die schwebende Stadt ist alles, was du je haben wirst«, sagt er. »Für manche reicht das, aber das gilt nicht für Leute wie dich und mich. Es macht mich traurig, dass du das lernen musstest. Genau wie ich.«“ (193)
Ein Zug nach Prag, in dem ein Kafka sitzt, ist ungefähr so witzig wie ein Railjet, in dem die Schwarzen Mander auf dem Weg in die Innsbrucker Hofkirche sitzen.
„Das ist Bertram. Er ist schon alt. Und das ist Ernesto. Zusammen wohnen sie in einem kleinen Haus am Stadtrand. Ernesto hat einen riesigen Garten. Blumen und Büsche wachsen hier, aber auch Gemüse: Bohnen, Mangold, Zucchini, Zwiebeln und noch viel mehr.“
Wir wissen mehr über Arnold Schwarzenegger als über unsere Eltern. (11)