Angelika Mayr-Gehler, s Fadele
An der Germanistik läuft seit Jahrzehnten jener Fach-Witz, wonach ein Professor seltsame Fügungen zur Prüfung gibt und der einzige, der die Klausur positiv abschließt, ist ein Ausländer, der soeben mühselig die deutsche Sprache gelernt hat.
Ein bisschen ist man an diese Prüfungssituation erinnert, wenn Angelika Mayr-Gehler aus der Ferne von Hildesheim ihre Südtiroler Mundart vorträgt. Streng aus der Erinnerung wird das Südtirolerische in jener Form zum Klingen gebracht, wie man es sich aus der Entfernung vorstellt.
Das ist wahrlich eine intensive Zeit, wenn etwas passiert ist und erst allmählich die passende Sprache für das Geschehen einsetzt.
Aus den Tagen voller Lebens-Schutt lässt sich vortrefflich mit Lyrik ausbrechen, sind Gedichte doch ein weitverzweigtes System, welches im Gebirge im Gipfelkreuz Flimmern auslöst und an der Küste als Leuchtturm getarnt große Sehnsucht verströmt.
Vielleicht sind Gefühle die idealen Mathematiker, denn sie arbeiten punktgenau und stringent, ein ideales Gefühl ist vielleicht zielstrebig wie eine Gerade, und wenn einmal der Wende-Punkt gekommen ist, biegt es ab im rechten Winkel.
Eine karge Tafel, die Umsitzenden löffeln aus einer gemeinsamen Schüssel, in der Mitte vielleicht das Salz.
"Liebt - lebt - vergeht". Was wie ein Abzählreim klingt, ist das literarische Konzept von Oswald von Wolkenstein, aktuell dargestellt im mittleren Band der frischen Oswald-Trilogie von Gerhard Ruiss.
Große Lyrik liest man am besten längs und quer. Der Längsschnitt zieht sich oft über Jahrzehnte und zeigt die Entwicklung eines Autors, die Quer-Fräsung gelingt oft an der Kante eines Themas entlang.
"es war ein tag so wie zum sterben schön / und noch einmal so warm. (15) Üblicherweise sind Gedichte dazu da, Halt zu geben in einer prosaisch eingeebneten Welt voller Logik und Erklärungen.
Manchmal genügt eine Wortinsel, um einen ganzen Lebenslauf zu dokumentieren. Windeln im Wind ist so eine lyrische Fügung, die sofort heftige Bilder evoziert.
Manchmal ziehen Maler in lichte Gefilde, um den Pinseln endlich jene Leuchtkraft zuzumuten, von der sie zu Hause nicht zu träumen wagen.